Fünf Personen stehen im Nebel, lehnen sich zurück und schauen nach oben © Theater Lüneburg / Jochen Quast Foto: Jochen Quast
Fünf Personen stehen im Nebel, lehnen sich zurück und schauen nach oben © Theater Lüneburg / Jochen Quast Foto: Jochen Quast
Fünf Personen stehen im Nebel, lehnen sich zurück und schauen nach oben © Theater Lüneburg / Jochen Quast Foto: Jochen Quast
AUDIO: Premiere von "Vögel" in Lüneburg: Endloser Applaus und Raum für Diskussion (4 Min)

Premiere von "Vögel" in Lüneburg: Endloser Applaus und Raum für Diskussion

Stand: 12.02.2023 09:35 Uhr

Im November vergangen Jahres gab es Proteste gegen die Inszenierung von Wajdi Mouawads "Vögel" am Metropoltheater in München. Israelische Studentenverbände kristierten das Schauspiel als antisemitisch. Gestern feierte "Vögel" erstmals seit dem Eklat wieder Premiere.

von Katrin Schwier

Eitan liebt Wahida. So einfach könnte es ein, doch in dem Stück "Vögel" von Wajdi Mouawad ist nichts einfach. Denn Eitan hat jüdische Wurzeln, Wahida arabische.

"Wir sind nicht dazu geschaffen, einander zu begegnen oder miteinander zu leben." Zitat aus "Vögel"

Eitan möchte Wahida in seine Familie einführen, doch das stößt auf Widerstand. Eitans Vater ist absolut gegen diese Verbindung, weil Wahida nicht jüdisch ist. Daraus entwickelt sich ein Drama.

Wajdi Mouawads Stück trifft einen Nerv

Die Geschichte spielt im Nahostkonflikt. Bei einem Anschlag in Israel wird Eitan schwer verletzt. Die Emotionen in der jüdischen Familie kochen hoch. Drei Generationen prallen aufeinander. Ein sehr vielschichtiges Stück, sagt Dramaturgin Hilke Bultmann: "Ich glaube, es trifft einen Nerv, weil es sehr nachvollziehbar macht, wie Menschen, die Traumata erlitten haben - in dem Fall die Traumata des Holocausts - wie das in ihnen nachwirkt. Wie sie über Generationen hinweg damit beschäftigt sind."

Weitere Informationen
Christoph Vetter (Eitan) und Berna Celebi (Wahida) proben am Theater Lüneburg das Stück "Vögel". ©  t&w / Andreas Tamme, Theater Lüneburg Foto:  t&w / Andreas Tamme

"Vögel" auf Lüneburgs Bühne - trotz Antisemitismus-Vorwürfen

Das umstrittene Stück von Wajdi Mouawad feiert am 11. Februar Premiere. Begleitend bietet das Theater Raum für Diskussionen. mehr

Antisemitismusvorwürfe gegen "Vögel"

Das Bühnenbild besteht aus weißen Mauern, die den Raum erdrücken und manchmal Auswege eröffnen. In diesem kargen Bühnenbild fallen Sätze, die verstören.

"Wir standen dicht bei dicht. Da war einer neben mir in meinem Alter. Wir haben uns angeschaut und er sagt zu mir: Schicken die uns jetzt in den Ofen, oder wie? Wir haben gelacht." Zitat aus "Vögel"

Das sagt Eitans Großvater, ein Überlebender des Holocausts. Es sind Sätze wie diese, die zu heftigen Protesten geführt haben. Jüdische Studentenverbände bezeichneten das Stück als antisemitisch. Das Premieren-Publikum in Lüneburg sieht das anders: "Ich habe nichts gesehen, was ich als antisemitisch wahrnehmen würde", sagt ein Zuschauer, eine Zuschauerin meint: "Im Zusammenhang sind sie ganz anders zu verstehen - und das regt eine Diskussion und ein Gedankenmachen darüber an. Und das ist das Wesentliche."

Weitere Informationen
Theater Lüneburg © Dan Hannen Foto: Dan Hannen

"Aussage einer Bühnenfigur ist nicht die Aussage des Stückes"

Verharmlost das Stück "Vögel" den Holocaust? Ein Gespräch mit dem Chefdramaturgen am Theater Lüneburg, Friedrich von Mansberg. mehr

Einführung und Diskussionsrunde im Theater Lüneburg

Der Vorwurf des Antisemitismus ist dennoch da. Deswegen hat sich das Theater Lüneburg mit Experten beraten. Erst dann haben die Theatermacher entschieden, das Stück "Vögel" trotz der Vorwürfe zu spielen - nicht kommentarlos: Vor jeder Vorstellung gibt es eine Einführung, nach den Vorstellungen gibt es die Möglichkeit zur Diskussion.

Die richtige Entscheidung, sagt Regisseur Mario Holetzeck. Ihm ist es sehr wichtig, dieses Stück auf die Bühne zu bringen: "Ich würde nie sagen, dass das Stück antisemitisch ist, weil es eine Hoffnung, eine Sehnsucht hat." Und mit dieser Hoffnung endet das Stück. Es gab stehende Ovationen - der Applaus bei der Premiere wollte nicht enden.

Weitere Informationen
Die roten Sitze in einem Kino- oder Theatersaal. © Photocase Foto: kallejipp

Nach Corona: Theater blicken sorgenvoll in die Zukunft

Die Theater in Lüneburg, Stade und im Wendland müssen sparen. Ein Faktor sind die derzeit hohen Heizkosten. mehr

Premiere von "Vögel" in Lüneburg: Endloser Applaus und Raum für Diskussion

Nach den Antisemitismusvorwürfen gegen Wajdi Mouawads "Vögel" am Metropoltheater in München feierte "Vögel" gestern erstmals seit dem Eklat wieder Premiere.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Theater Lüneburg
An den Reeperbahnen 3
21335  Lüneburg
Preis:
ab 17,50 Euro
In meinen Kalender eintragen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 12.02.2023 | 14:20 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

Theater

Der Arm einer Frau bedient einen Laptop, der auf einem Tisch in einem Garten steht, während die andere Hand einen Becher hält. © picture alliance / Westend61 | Svetlana Karner

Abonnieren Sie den NDR Kultur Newsletter

NDR Kultur informiert alle Kulturinteressierten mit einem E-Mail-Newsletter über herausragende Sendungen, Veranstaltungen und die Angebote der Kulturpartner. Melden Sie sich hier an! mehr

NDR Kultur App Bewerbung

Die NDR Kultur App - kostenlos im Store!

NDR Kultur können Sie jetzt immer bei sich haben - Livestream, exklusive Gewinnspiele und der direkte Draht ins Studio mit dem Messenger. mehr

Mann und Frau sitzen am Tisch und trinken Tee. © NDR Foto: Christian Spielmann

Tee mit Warum - Die Philosophie und wir

Bei einem Becher Tee philosophieren unsere Hosts über die großen Fragen. Denise M‘ Baye und Sebastian Friedrich diskutieren mit Philosophen und Menschen aus dem Alltag. mehr

Mehr Kultur

Martin Wuttke und Caroline Peters im Portrait © William Minke / Rafaela Proell Foto: William Minke / Rafaela Proell

"Gefährliche Liebschaften" im St. Pauli Theater: Ohne Haltung und Konzept

Für die Eröffnungspremiere des Hamburger Theater Festivals haben Caroline Peters und Martin Wuttke nur ein paar Tage geprobt - das merkt man leider. mehr