Szene aus dem Theaterstück "Klimatrilogie" von Thomas Köck. © Kerstin Schomburg Foto: Kerstin Schomburg

Die Welt nach der Apokalypse: "Klimatrilogie"

Stand: 10.10.2021 11:25 Uhr

Die Geschichte des Kapitalismus ist eine Geschichte des Raubbaus des Menschen an der Natur und an sich selbst. Darum geht es in der Klimatrilogie des vielfach ausgezeichneten österreichischen Dramatikers Thomas Köck.

von Agnes Bührig

Am 9. Oktober 2021 feierte "Klimatrilogie" Premiere. Regisseurin Marie Bues hat sich des Stoffes angenommen und aus drei Stücken einen dreistündigen Theaterabend erschaffen.

Die Welt nach der Apokalypse

Eine Reihe von amöbenartigen Wesen in Plastikverpackung bevölkert einen leeren Raum, der am Rand von großen, weißen Gardinenfronten begrenzt wird. Die Erinnerung an das, was war, schwebt in Form von Kammern von der Decke. Darin Figuren aus der Zeit des Kolonialismus: ein Mann in Tropenhut, eine halbnackte Ureinwohnerin des Amazonas, skrupellose Investoren zu Zeiten des Kautschukbooms.

Manaus, Brasilien, 1890. Flucht in den globalisierten Marktdschungel

Szene aus dem Theaterstück "Klimatrilogie" von Thomas Köck. © Kerstin Schomburg Foto: Kerstin Schomburg
Szene aus dem Theaterstück "Klimatrilogie" von Thomas Köck.

Das Morgen beginnt hier im Gestern, geformt durch die Erzählungen von Kolonialismus und Kapitalismus. Moderatorinnengleich führen zwei Schicksalsgöttinnen durch sechs Geschichten. Sie lassen die Ausbeutung von Mensch und Natur Revue passieren, von der Abholzung des Regenwaldes von einst bis hin zu chinesischen Wanderarbeitern von heute. Wie wir uns an sie erinnern, kann Fluch wie Chance gleichermaßen sein, sagt Schauspielerin Caroline Junghanns, die eine der beiden Schicksalsgöttinnen spielt.

Es ist positiv durch etwas durchzugehen

"Es ist natürlich was Tolles, weil wir immer wieder neu entdecken können und in den Erinnerungen neu feststellen", sagt Caroline Junghanns. "Aber es ist auch etwas Schmerzhaftes, weil man natürlich an manchen Stellen nicht an die Erinnerung will und lieber das vergessen möchte, was eben nicht erinnert werden soll." Die Schauspielerin kennt diese Einstellung gut von sich selbst. Sie glaubt, dass es jedem Menschen vertraut ist, Sachen zu verdrängen und nicht so an sich rankommen zu lassen. Es habe aber auch etwas Positives, das zuzulassen und durch etwas durchzugehen, um wieder neu zu verstehen.

Zwischen Pop und Performance

Eine wunderbare Projektionsfläche für dieses neue Verstehen bietet der fast leere Bühnenraum von Heike Mondschein, der vor allem durch die Lichtsetzung wirkt, sowie die subversive Musik von Johannes Frick zwischen Pop und Performance. Darauf setzt Amit Epstein, der einst bei Vivienne Westwood lernte. Die genialen, farbenfrohen Kostüme, könnten von Alice im Wunderland, Mangakultur und David Bowie inspiriert sein. Und ein steppender Zugbegleiter fordert - extrem witzig und unterhaltsam - unser Bild von Verspätungen bei der Bahn heraus.

Klimawandel ist das Thema unserer Gegenwart

Szene aus dem Theaterstück "Klimatrilogie" von Thomas Köck. © Kerstin Schomburg Foto: Kerstin Schomburg
Szene aus dem Theaterstück "Klimatrilogie" von Thomas Köck.

Regisseurin Marie Bues, künstlerische Leiterin des Theaters Rampe in Stuttgart und zuletzt mit der Inszenierung "Die Politiker" am Schauspiel Hannover erfolgreich, beschäftigt sich konsequent mit neuen Stoffen. Der Klimawandel ist das Thema unserer Gegenwart, und doch wird es hier nur indirekt verhandelt, abgeleitet durch Geschichten von Menschen, die keine Rücksicht auf Verluste nehmen und Menschen, für die nichts mehr übrig ist. Kann Theater das ändern?

"Theater hat ja immer auch die Funktion, Lösungen durchzuspielen, Reflektionen zu geben, auch in poetischer und ästhetischer Art und Weise das tagesaktuelle Geschehen zu kommentieren", sagt Marie Bues. "Da fanden diese gesamten drei Stücke der Klimatrilogie von Thomas Köck sehr geeignet, weil es da nicht nur um das ökologische Klima und das ganz akute politische Handeln geht, sondern eigentlich um eine größere Systemfrage, eigentlich um diesen Gesamtzusammenhang, der natürlich inzwischen bombastisch groß ist. Also die die Globalisierung, die Industrialisierung, der Hyperkapitalismus."

Auch am Ende zieht einen der Kosmos dieser ganz eigenen, beeindruckenden Inszenierung in seinen Bann. Und sie endet wie sie begann: mit Kautschuk und vollendeter Zukunft. Eine übergroße, dunkle Weltkugel wird sanft vom Ensemble durch den Raum gestoßen. Wie lange wird sie fliegen?

Die Welt nach der Apokalypse: "Klimatrilogie"

Im Schauspielhaus Hannover hat das gesellschaftskritische Stück "Klimatrilogie" Premiere gefeiert.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Schauspiel Hannover
Prinzenstraße 9
30159 Hannover
Hinweis:
Regie: Marie Bues | Bühne: Heike Mondschein | Kostüme: Amit Epstein | Choreografie: Bahar Meriç | Musik: Johannes Frick | Dramturgie: Mazlum Nergiz
Schauspieler*innen: Bernhard Conrad, Tabitha Frehner, Johannes Frick, Alrun Hofert, Caroline Junghanns, Birte Leest, Kaspar Locher, Nicolas Matthews, Alban Mondschein, Amelle Schwerk
In meinen Kalender eintragen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 10.10.2021 | 14:20 Uhr