Maria Mazotti, Philip Sergeychuk, Vasco Ventura, Laura Cristea in "Nacht ohne Morgen". © Mecklenburgisches Staatstheater GmbH/ Admill Kuyler Foto: Admill Kuyler

Stehende Ovationen für Ballett-Premiere "Nacht ohne Morgen"

Stand: 26.09.2021 09:25 Uhr

Die erste Choreographie von Xenia Wiest am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin wird zum gigantischen Erfolg der neuen Ballett-Direktorin und ihres Ensembles.

von Karin Erichsen

Es gab stehende Ovationen für Xenia Wiest und ihre Compagnie. Applaus und Bravorufe brandeten minutenlang und wollten nicht enden. Der Beifall wurde schließlich vom Intendanten Hans-Georg Wegner abgebrochen, der das Publikum zwar nicht zu einer Premierenfeier einladen durfte, aber doch zu einem Glas Sekt ins Freie bat: Die neue Chef-Choreographin würde dort ihre Tänzerinnen und Tänzer noch näher vorstellen. Die meisten Zuschauer nutzten die Gelegenheit, denn die Neugier auf dieses Ensemble war nach der Premiere riesengroß und überdies bestand dringender Bedarf, sich über das Stück auszutauschen.

Premierenwochenende unter dem Thema Apokalypse und Weltuntergang

Auf Wunsch der neuen Theaterintendanz stand das gesamte Schweriner Premierenwochenende mit insgesamt fünf neuen Produktionen unter dem Motto "Apokalypse und Weltuntergang", beziehungsweise die Überwindung derselben. Und Xenia Wiest blieb sehr dicht am Thema. Sie hat die vier apokalyptischen Reiter aus der Offenbarung des Johannes ins Zentrum ihrer Choreographie "Nacht ohne Morgen" gerückt. Schon vor Beginn der Vorstellung sahen sich die Premierengäste mit dem berühmten Bild von Albrecht Dürer konfrontiert, das auf vier große Leinwände verteilt die grausigen Reiter - die personifizierten Plagen Krieg, Krankheit, Hunger und Tod - zeigt.

Mit Beginn der Vorstellung verschwand das Werk in der schwarzen Tiefe des Bühnenraumes und aus den vier Himmelsrichtungen tauchten nacheinander vier Tänzer auf. Mit kantigen Bewegungen und schwerer, rhythmischer Atmung vermittelten sie den Eindruck von majestätischen Reitern auf schnaubenden Rössern. Keine dürren, hohläugigen Schreckensfiguren waren diese Reiter - zwei Männer und zwei Frauen -, sondern perfekt gestählte Körper von der Schönheit antiker Statuen, machtvoll und raumgreifend in dunkler Kulisse, in der das Licht scharfe Kontraste schuf. Selbst die Muskeln warfen noch Schatten auf den Körpern.

"Nacht ohne Morgen": Krieg, Krankheit, Hunger und Tod als Weltherrscher

Nach kurzer Selbstvergewisserung der vier Reiter in ihrem unheilvollen Bund, rückte Eleonora Peperoni als Tod einen großen Rolltisch aus Metall ins Bühnenzentrum. Wie Feldherren an der Landkarte teilten nun die Reiter die Welt strategisch untereinander auf - ganz unmissverständlich zeigten das die klaren, fokussierten Bewegungen, ohne jegliche Assoziation von Unsicherheit oder Verspannung. Insbesondere der Tod als Anführer drückte mit jeder Geste größte Selbstgewissheit, Souveränität und Dominanz aus. Dazu erklang das erste Violinkonzert von Philip Glass, bei dem sich die Geige in hohe Lagen über das große Orchester schwingt - in schneidend scharfer Artikulation.

Nachdem alle Fragen der Strategie geklärt waren, teilte der Tod die Requisiten zu: Nach dem Willen von Kostümbildnerin Melanie Jane Frost für sich selbst einen schwarzen Frack, für den Krieg eine kleine, grüne Jacke, für den Hunger ein violettes Samtjackett und für die Krankheit ein grünlich changierendes, enges Oberteil - so zogen die Plagen in die Welt. Und sofort begann der Krieg in Person von Shayna Weintraub sein Handwerk. Ballettdirektorin Xenia Wiest hat den Krieg bewusst nicht mit einem Mann besetzt, sondern mit einer beeindruckenden, dunkelhäutigen Tänzerin, die mit Energie und Kraft sogleich begann, ein Heer auszubilden, beziehungsweise die Menschen in ein Heer zu drängen und zu drangsalieren. Dabei bot sich Gelegenheit, das gesamte neue Ballett-Ensemble zu präsentieren, das bereits in großer Homogenität auftrat. Die Auflösung der alten Compagnie hatte in Schwerin zuvor für Aufregung gesorgt. Künstlerisch ist dieser Neuanfang jedoch - wie sich jetzt zeigt - ein gigantischer Erfolg.

Eine Gemeinschaft der zunehmend Verzweifelten

Aus der Menge löste sich ein Tänzer (Stefano Pietragalla). Blieb er entkräftet zurück, als sich die Armee unter Marschtrommeln in Bewegung setzte, oder floh er aus eigenem Willen? Jedenfalls bindet diese Figur eines Flüchtigen alle weiteren Szenen zusammen. Allein gelassen im leeren Bühnenraum schlich sich nun die Krankheit an. Zu Harfenmusik von Lavinia Meijer umkreiste sie in Person von Camryn Pearson den Ungeschützten und versuchte, sich zu nähern, sich wie ein Freund anzuschmiegen, sich den Alleingelassenen, der immer weniger Widerstand leistete, einzuverleiben. Von Weitem schon beobachtete der Tod die Szene. Aber es gelang dem geflohenen Menschen, ihm ein weiteres Mal zu entkommen.

Schließlich erreichte er mit Camille Saint-Saens "Danse Macabre" eine elegante Gesellschaft, versammelt unter einem riesigen modernen Kronleuchter. Daran jedenfalls erinnerte das Gebilde von ineinandersteckenden Quadraten, die sich von oben her zu einer abfallenden Pyramide auseinanderziehen ließen (Bühnenbild Sarah-Katharina Karl). Das untere, kleinste Quadrat schwebte bald herab und definierte den engen Raum, beziehungsweise die engen Grenzen, in denen sich die elegante Gesellschaft in Samtanzügen aus königlichem Blau, Rot und Schwarz nun bewegte. Ein Hineinkommen in diesen Inner Circle war ausgeschlossen. Dafür sorgte der Hunger (Philip Sergeychuk). Mit gebieterischer Geste ließ er den Einsamen weder hinein noch irgendein emphatisches Mitglied aus dem Kreise der Gemeinschaft zu dem zunehmend Verzweifelten hinaus.

Hunger als Sehnsucht nach menschlicher Nähe

Xenia Wiest interpretiert den Hunger als Sehnsucht nach Integration, nach menschlicher Nähe und sozialer Gemeinschaft. Für das Leben erscheinen sie als ebenso existentiell wie die Aufnahme von Nahrung - und wo sie ausbleiben, wartet der Tod. Tatsächlich näherte er sich schon dem Einsamen und schloss ihn bald sanft in die Arme - er konnte jetzt Milde zeigen, denn er hat in "Nacht ohne Morgen" sein Ziel erreicht. Das begriffen die benommenen Zuschauer im Großen Haus ohne ein einziges Wort der Erklärung. Dutzendfach spielte sich nun auf der Bühne die gleiche Szene ab, denn der nach Leben Suchende ist nicht allein - viele teilen sein Schicksal.

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Die erste Choreographie von Xenia Wiest am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin wird zum gigantischen Erfolg der neuen Ballett-Direktorin und ihres Ensembles.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Mecklenburgisches Staatstheater
Alter Garten 2
19055  Schwerin
Telefon:
0385 53 00-0
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Sonntag | 26.09.2021 | 06:40 Uhr