Blick auf die erleuchtete Open Air Bühne vor Abendhimmel © Theater Kiel/ Olaf Struck Foto: Olaf Struck

"Kabale und Liebe" beim Sommertheater Kiel: Kurzweilig und sexy

Stand: 13.08.2021 13:24 Uhr

Für sein Open Air hat das Sommertheater Kiel Schillers Klassiker "Kabale und Liebe" entstaubt und in ein Musical-artiges Gewand gesteckt: mit Kompositionen der Hamburger Indierock-Band Kettcar, die live dabei war.

Ein Mann umarmt zärtlich eine verzweifelte Frau, beide liegen auf der Bühne © Theater Kiel/ Olaf Struck Foto: Olaf Struck
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von Anina Pommerenke

Auf der Open-Air-Bühne mit gleich zwei Showtreppen nimmt das Drama um Ferdinand von Walter und Luise Miller seinen Lauf: Während sich auf einem oberen Podest die Reichen tummeln, die mit Blaulicht im schwarzen Sportwagen und jeder Menge Bodyguards vorfahren, wohnt unten die bescheidene Musikerfamilie Miller. Schnell wird klar: In diesem diktatorischen Staat soll die Liebe von Ferdinand, dem Sohn des Vizepräsidenten, und Luise, der Musikertochter, keine Chance haben. Hinterhältige Intrigen werden eingefädelt. Ferdinand und Luise werden zum Spielball der Mächtigen.

Schillers "Kabale und Liebe" neu entdecken

In einem goldenen Kasten links neben der Bühne sitzen Musiker der Band Kettcar. Sie haben die Musik und Songtexte für die Inszenierung beigesteuert und sich dafür fleißig beim Originaltext bedient. Dabei hatte Bassist Reimer Bustorff nicht die besten Erinnerungen an die Schullektüre. "Damals hat es wirklich überhaupt nicht mein Herz berührt. Ich habe es ganz neu entdeckt", erzählt er. "Die Sprache ist ganz toll und man kann ganz viel rausziehen. Ich kann es jetzt fast mitsprechen und habe trotzdem noch Momente, wo ich Gänsehaut kriege und mir die Tränen in die Augen schießen."

Daniel Karasek: "Schiller wäre Indierocker gewesen"

Ein Mann umarmt zärtlich eine verzweifelte Frau, beide liegen auf der Bühne © Theater Kiel/ Olaf Struck Foto: Olaf Struck
Gustavs Gailus in der Rolle des Ferdinand und Eva Kewer als Luise zeigen auf der Bühne großartigen Einsatz.

Die Mischung aus Original-Text-Passagen und moderner Rock-Musik ist kurzweilig. Zwischen den Songs brilliert Schillers unsterbliche Sprache. Regisseur Daniel Karasek vom Theater Kiel ist sich sicher - Schiller wäre Indierocker gewesen: "Die Musik passt! Man merkt, dass Schiller in den Mannheimer Tagen ein Rocker war, definitiv!"

Praktisch für die Liebesgeschichte: Das durchgeimpfte Ensemble muss auf Abstände keine Rücksicht nehmen, es singt und spielt großartig: allen voran die beiden Hauptdarsteller Eva Kewer und Gustavs Gailus. Köstlich auch Christian Kämpfer mit Wiener Schmäh als extravaganter Protokollchef von Kalb und Katharina Abt als Lady Milford.

Videosequenzen ergänzen Bühnengeschehen

Besonders gut herausgearbeitet sind auch die Entwicklungen der vielschichtigen Charaktere, die von großen Emotionen, Moral, Standeszwängen und den Intrigen hin- und hergerissen werden. Geschickt nutzt Karasek dafür auch in der ganzen Stadt gedrehte Videosequenzen, die auf zwei großen Leinwänden eingeblendet werden und Einblicke in das Seelenleben der Charaktere gewähren. Und er zeigt auch die heutige Relevanz des Stücks: mit Anspielungen auf aktuelle Diktaturen und einer zeitlosen Liebesgeschichte.

Standing Ovations für "Kabale und Liebe" beim Sommertheater Kiel

Für Karasek sind die zentralen Fragen: "Wo darf Liebe hin? Darf Liebe überhaupt aus dem sozialen Rahmen heraus? Wird das akzeptiert? Kommt man selber damit klar?" Diese Fragen hält er für zeitlos. "Ich glaube nicht, dass das ein Thema ist, was es nur zu Goethes und Schillers Zeiten gab, sondern dass uns das heute noch genauso beschäftigt."

Vielleicht auch deswegen ergreift einen besonders das tragische Finale, noch einmal ein schauspielerisches Highlight der gesamten Inszenierung. Drei Stunden inklusive Pause vergehen wie im Flug. Das feiert das Kieler Publikum mit minutenlangen stehenden Ovationen. Immer wieder muss das Ensemble zum Verbeugen auf die Bühne kommen. Zu Recht: "Kabale und Liebe" war selten so kurzweilig und sexy inszeniert.

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Der Kleine Kiel mit dem Opernhaus und dem Rathausturm im Hintergrund © NDR Foto: Berit Ladewig

Kulturpartner: Theater Kiel

Mit den fünf eigenproduzierenden Sparten, drei verschiedenen Theaterhäusern und zirka 500 Beschäftigten gehört das Theater Kiel zu den großen Theatern in Deutschland. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Moin! Schleswig-Holstein – Von Binnenland und Waterkant | 13.08.2021 | 19:00 Uhr