Zwei junge Frauen schaukeln © Krafft Angerer Foto: Krafft Angerer
Zwei junge Frauen schaukeln © Krafft Angerer Foto: Krafft Angerer
Zwei junge Frauen schaukeln © Krafft Angerer Foto: Krafft Angerer
AUDIO: "Im Menschen muss alles herrlich sein" am Thalia Theater (3 Min)

"Im Menschen muss alles herrlich sein": Theaterabend über Fremdheit

Stand: 28.10.2022 11:37 Uhr

Journalist Can Dündar hat am Donnerstag das Festival "Nachbarschaften" im Thalia Theater in Hamburg eröffnet. Dort wurde das Stück "Im Menschen muss alles herrlich sein" uraufgeführt.

von Peter Helling

Es basiert auf dem gleichnamigen Roman von Sasha Marianna Salzmann. Der schmerzhaft schnörkellose Abend über Migration am Thalia Theater in der Gaußstraße im Rahmen des transkulturellen Festivals "Nachbarschaften - Komşuluklar" fängt ohne Kitsch Bilder von Fremdheit ein: von Einsamkeit, fern von Zuhause; mit Sätzen, kalt wie Eis.

"Im Menschen muss alles herrlich sein": Uraufführung am Thalia Theater

Inszenierung von "Im Menschen muss alles herrlich sein" nach dem Stück von Sasha Marianna Salzmann am Thalia Theater Gaußstraße © Krafft Angerer Foto: Krafft Angerer
"Im Menschen muss alles herrlich sein" läuft am Thalia Theater Gaußstraße - ein Stück nach dem Roman von Sasha Marianna Salzmann.

"Wenn man im Rücken Schüsse hört, dann tut man so einiges, Perestroika halt, Fleischwolfzeit.(...) Aber bevor ich aus dem Fenster sprang, lag die Welt mir zu Füßen." sagt Tatjana: Die ehemalige Tänzerin aus der Ukraine ist jetzt Friseurin in Deutschland, ist krank an Körper und Seele.

Oana Solomon spielt diese Frau im Exil als Zerrissene eindrücklich, berührend. Stefan Stern singt ein Lied aus der alten Heimat, während hinten der Schnee auf vier vereinsamte Frauen fällt.

Schmerzhaft schnörkelloser Abend nach Roman von Sasha Marianna Salzmann

Dieser schmerzhaft schnörkellose Abend fängt Bilder von Fremdheit ein. Von Einsamkeit, fern von Zuhause, im Dazwischen gefangen. Dabei beginnt alles total nüchtern - nämlich mit Edi: "Ich habe eine Artikelabgabe, naja, eigentlich hatte ich eine Artikelabgabe." Edi will Journalistin werden, sie soll über ihre ukrainischen Wurzeln schreiben, wehrt sich aber dagegen. "Wie soll ich denn das machen, wie soll ich meinen Großvater fragen, wie man zu Fuß aus einer zerbombten Stadt flieht?"

Toini Ruhnke spielt Edi glasklar und präsent. Durch ihre Augen blicken wir auf eine Ukraine zwischen den 70er-Jahren und 2017.

Das ganze Land liegt vom Bauchnabel bis zur Gurgel aufgeschnitten auf dem Operationstisch. Zitat aus dem Stück "Im Menschen muss alles herrlich sein"

Sätze, kalt wie Eis. Die Kriegswirklichkeit der letzten Monate hat sie blank geschliffen. Eine Besucherin erzählt: Es war anstrengend, aber ich fand, dass sehr starke Bilder erzeugt wurden und die Geschichte sehr gut transportiert wurde."

Bühnenbild mit alten Stühlen und irrlichternden Videos

Die Bühne ist so gut wie nackt: Ein paar gestapelte alte Stühle, vor irrlichternden Videos, unter kreisenden Scheinwerfern verlieren sich einsame, zerbrochene, kranker Seelen. Absolut überragend ist Oda Thormeyer als Edis Mutter Lena:

- Aber du kommst ja am Wochenende, nicht?
- Ja, ich versuchs.
- Wie, du versuchsts? Zitat aus dem Theaterstück

Menschen sitzen auf Sofas, darum stehen gestapelte kaputte Stühle - Inszenierung von "Im Menschen muss alles herrlich sein" nach dem Stück von Sasha Marianna Salzmann am Thalia Theater Gaußstraße © Krafft Angerer Foto: Krafft Angerer
Der Theaterabend handelt von Migration, Fremdheit und ist ohne Kitsch oder süßlichen Exotismus inszeniert.

Sie hält diese krude Familie mit so einer störrischen Wut zusammen, mit so viel unterdrückter Trauer, dass es ins Herz trifft. Sie hat ihre beste Freundin Tatjana mit ihrem Kind nach Jena geholt - der Stadt, in der sie alle stranden, die ukrainisch-russisch-jüdische Mischpoche.

Regisseur Hakan Savaş Mican inszeniert ohne Kitsch und Exotismus

"Das war ein Stück, das zeitgemäß ist, es passt zu dieser Ukraine-Russland-Kriegssituation", meint ein Besucher nach der Uraufführung am Thalia Theater. "Es hat noch einmal den Blick auf eine andere Kultur gelenkt, wir wissen eigentlich recht wenig," sagt ein anderer. "Ich bin Griechin, meine Eltern sind irgendwann als Gastarbeiter hergekommen, und ich fühlte mich ein bisschen zurückversetzt", erzählt eine weitere Theaterbesucherin. Ein vierter sagt: "Mein Vater ist auch als Kind mit seinen Eltern vertrieben worden."

Was für ein Glücksfall. Mit Hakan Savaş Mican inszeniert ein Regisseur mit türkischen Wurzeln einen Theaterabend über Migration, Fremdheit, ohne Kitsch oder süßlichen Exotismus. Das durchweg starke Ensemble, auch der fabelhafte Thalia-Neuzugang Pauline Rénevier, macht die Risse unter der Oberfläche spürbar.

Theaterstück der Stunde

Wenn meine Welt untergeht, warum gehen dann andere Menschen in der Abendsonne spazieren? Zitat aus dem Theaterstück

Sasha Marianna Salzmanns Roman wird hier zu einem Theaterstück der Stunde. Ein rundum gelungener Auftakt des transkulturellen Festivals über ein zerbrechendes Heute.

Weitere Informationen
"Iphigenia" im Thalia Theater © Thalia Theater / Krafft Angerer Foto: Krafft Angerer

"Iphigenia"-Premiere im Thalia Theater: Alter Mythos, neu erzählt

Der antike Mythos nach Euripides und Goethe hatte gestern Abend als neues Stück Premiere. Die Hauptrolle teilten sich Tochter und Mutter. mehr

Boy-Gobert-Preisträger Johannes Hegemann © Körber Stiftung Foto: Armin Smailovic

Boy-Gobert-Preis 2022

In diesem Jahr geht der Nachwuchspreis der Körber-Stiftung, der Boy-Gobert-Preis, an den Johannes Hegemann. mehr

"Im Menschen muss alles herrlich sein": Theaterabend über Fremdheit

Das schmerzhaft-schnörkellose Stück am Thalia Theater nach Sasha Marianna Salzmanns Roman fängt Bilder von Fremdheit und Einsamkeit ein.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Thalia Gauss
Gaußstraße 190
22765 Hamburg
In meinen Kalender eintragen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 28.10.2022 | 07:20 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

Theater

Theaterfestival

Der Arm einer Frau bedient einen Laptop, der auf einem Tisch in einem Garten steht, während die andere Hand einen Becher hält. © picture alliance / Westend61 | Svetlana Karner

Abonnieren Sie den NDR Kultur Newsletter

NDR Kultur informiert alle Kulturinteressierten mit einem E-Mail-Newsletter über herausragende Sendungen, Veranstaltungen und die Angebote der Kulturpartner. Melden Sie sich hier an! mehr

NDR Kultur App Bewerbung

Die NDR Kultur App - kostenlos im Store!

NDR Kultur können Sie jetzt immer bei sich haben - Livestream, exklusive Gewinnspiele und der direkte Draht ins Studio mit dem Messenger. mehr

Mann und Frau sitzen am Tisch und trinken Tee. © NDR Foto: Christian Spielmann

Tee mit Warum - Die Philosophie und wir

Bei einem Becher Tee philosophieren unsere Hosts über die großen Fragen. Denise M‘ Baye und Sebastian Friedrich diskutieren mit Philosophen und Menschen aus dem Alltag. mehr

Mehr Kultur

Der Schriftsteller Erich Kästner (1961). © Public Domain

Erich Kästner: Der Mann mit den vielen Gesichtern

Vor 125 Jahren kam der begnadete Autor, Humorist und Moralist in Dresden zur Welt. Dabei bemühte er sich, sein Privatleben unter Verschluss zu halten. mehr

Das Logo von #NDRfragt auf blauem Hintergrund. © NDR

Umfrage: Wie sinnvoll ist die Cannabis-Legalisierung?