Aufschrift "Freier Eintritt" an einem Container © picture alliance/dpa | Fabian Sommer Foto: Fabian Sommer

Freier Eintritt für Theater: Wunsch- oder Zukunftsszenario?

Stand: 02.10.2021 06:00 Uhr

Die Kulturinstitutionen im Norden versuchen Bezahlmodelle zu finden, um neue Besuchergruppen anzulocken. Sind Freie-Eintritt-Veranstaltungen möglich? Wir haben bei Theatern im Norden nachgefragt.

von Anina Pommerenke

Vom Hamburger Thalia Theater heißt es auf Nachfrage von NDR Kultur, dass man mit freiem Eintritt längst nicht alle erreichen könne, die man mit solchen Angeboten erreichen möchte. Vor einigen Jahre habe es zum Beispiel mal ein gesellschaftliches Experiment gegeben, bei dem jeder Gast so viel zahlen konnte, wie er wollte.

Unterm Strich konnte das Haus an dem Abend - direkt im Anschluss an die Inszenierung - verkünden, dass man fast die gleichen Einnahmen verzeichnet habe, wie an jedem anderen Abend auch. Es gebe nun mal für die Theater die Notwendigkeit, Geld zu verdienen und trotzdem ihren kulturellen und sozialen Auftrag zu erfüllen.

Thalia Theater unterstützt sozial schwächer Gestellte

Vergleichbar ist das für das Thalia Theater etwa mit dem Rundfunkbeitrag, der gezahlt werden müsse, oder dem Schwimmbad, das ebenfalls Eintritt koste. Kostenlos sei das alles nicht, aber es gebe dafür ja jede Menge Rabatte und Angebote auch für sozial Schwächere, gibt Sprecherin Maren Dey zu Bedenken.

Am Thalia Theater sei das etwa konkret das Familienpaket. In ausgewählte Vorstellungen kommen vier Personen ab 22 Euro in den Genuss eines Theaterbesuchs. Ebenfalls nimmt das Haus, wie viele andere Theater in Deutschland, an der Aktion "Der spendierte Platz" teil. Dabei wird Kindern und Jugendlichen, deren Eltern den Klassenausflug ins Theater nicht zahlen können, der Theaterbesuch ermöglicht - traditionell in der Weihnachtszeit zum Weihnachtsmärchen.

Theater Kiel mit Ermäßigungen - keine Diskussion über freien Eintritt

Darüber hinaus verweist Dey auf diverse Rabatte für Studierende, Schülerinnen und Schüler, Rentnerinnen und Rentner. Geld sei aber nicht der einzige Faktor, warum Menschen ins Theater gingen. Das habe man am Thalia Theater auch im Lockdown gesehen. So habe man bei Streamings mit Staffelpreisen die Erfahrung gemacht, dass Interessierte gern Geld zahlen, sogar mehr als nötig, wenn sie auch etwas geboten bekommen.

Am Theater Kiel werde freier Eintritt zurzeit gar nicht diskutiert, meldet Sprecherin Ulrike Eberle auf die NDR Kultur Anfrage zurück: "Da wir der Meinung sind, dass Kultur auch einen gewissen Wert haben muss, damit sie wertgeschätzt wird." Trotzdem solle es natürlich Ermäßigungen geben, sodass sich jeder Mensch einen Besuch im Theater, in der Oper oder im Ballett leisten kann.

Irgendjemand muss für freien Eintritt aufkommen

So hat auch das Kieler Haus diverse Angebote, die sich unter anderem speziell an Studierende oder Arbeitlose richten. Ferner ist das Haus Partner beim Kulturhafen Kiel, der nicht verkaufte Tickets kostenlos an Menschen, die nachweislich wenig Geld haben und beim Kulturhafen registriert sind, weitergeben.

Eberle gibt zu Bedenken, dass am Ende immer irgendjemand für den freien Eintritt aufkommen müsse. Die dadurch zustande kommenden Einbußen für das Haus müssten dann zum Beispiel aus dem kommunalen Haushalt getragen werden, wenn es ein kommunal getragenes Theater ist. In Anbetracht der allgemein schwierigen, finanziellen Lage der Kommunen stehe das Thema wohl nicht unbedingt oben auf der To-do-Liste.

Freier Eintritt ins Theater: eher Wunsch- als Zukunftsszenario

Ebenso sieht sie Schwierigkeiten die Zielgruppe des Angebots zu definieren: "Freier Eintritt würde infrage kommen für Menschen, die sich den Kulturbesuch tatsächlich nicht leisten können." Wie aber soll dies bemessen und kontrolliert werden, fragt Eberle? Die Pressesprecherin gibt zu Bedenken, dass eine Bescheinigung über die tatsächlich verfügbaren finanziellen Mittel oft nicht viel aussage.

Dass der Eintritt ins Theater, wie etwa im alten Rom, wo traditionell die ausrichtenden Beamten für die Kosten aufkommen mussten, regelmäßig frei sein wird bleibt wohl in Hamburg und Kiel aktuell eher Wunsch- als Zukunftsszenario.

 

Weitere Informationen
Das Hamburger Thalia Theater von außen © Thalia Theater

Kulturpartner: Thalia Theater

Der gesellschaftspolitisch ausgerichtete Spielplan des Thalia Theaters vereint Uraufführungen, Klassiker und Gastspiele sowie internationale Projekte und Festivals. extern

Der Kleine Kiel mit dem Opernhaus und dem Rathausturm im Hintergrund © NDR Foto: Berit Ladewig

Kulturpartner: Theater Kiel

Mit den fünf eigenproduzierenden Sparten, drei verschiedenen Theaterhäusern und zirka 500 Beschäftigten gehört das Theater Kiel zu den großen Theatern in Deutschland. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 01.10.2021 | 06:40 Uhr