"Dona Nobis Pacem" - Standing Ovations für Neumeiers neues Ballett

Stand: 05.12.2022 08:30 Uhr

Sonntagabend hat es in der Hamburgischen Staatsoper Standing Ovations und Jubel für John Neumeiers Ballett "Dona Nobis Pacem" ("Gib uns Frieden") gegeben. Auch Bundeskanzler Olaf Scholz war gekommen, um mit Neumeier und seinem Ballett die Uraufführung anlässlich seines 50-jährigen Jubiläums in Hamburg zu feiern.

von Annette Matz

Gerade noch war John Neumeier ungewohnt in den Schlagzeilen: Hamburgs Ballettchef John Neumeier wurde Rassismus vorgeworfen. Seine "Othello"-Choreografie für das Königlich Dänische Ballett nach Kritik von Tänzerinnen und Tänzern an rassistischen Stereotypen aus dem Programm genommen, die Zusammenarbeit mit Kopenhagen ausgesetzt. In Hamburg nun der Begeisterungssturm für seine neue Inszenierung.

Szene aus dem Ballett "Dona Nobis Pacem" von John Neumeier auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper. © dpa Foto: Marcus Brandt
AUDIO: Uraufführung von John Neumeiers "Dona Nobis Pacem" (4 Min)

Inspiriert von Johann Sebastian Bachs Messe in h-Moll

Auch wenn John Neumeier auch dieses Mal die Warnung an sein Publikum rausgab: "Suchen Sie keine durchgehende Handlung" - zieht sich doch ein roter Faden durch den Abend: der bedrohte Frieden und die Sehnsucht danach. Choreografische Episoden, inspiriert von Johann Sebastian Bachs Messe in h-Moll - die kunstvolle Vertonung der wichtigsten Texte eines Gottesdienstes, Meisterwerk der europäischen Musikgeschichte, die handschriftliche Partitur Bachs sogar von der Unesco in das Weltdokumentenerbe aufgenommen.  

Idee hatte Neumeier vor Kriegsausbruch in Ukraine

Szene aus dem Ballett "Dona Nobis Pacem" von John Neumeier auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper. © dpa Foto: Marcus Brandt
In John Neumeiers "Dona Nobis Pacem" geht es um den brüchigen Frieden und die Sehnsucht danach.

Die Idee zu dem Ballettstück hatte John Neumeier vor dem 24. Februar. Durch den Krieg in der Ukraine bekommen die einzelnen Geschichten jetzt eine noch eindringlichere Relevanz. Es sei ihr sehr nah gegangen, sagte eine Zuschauerin, eine andere meinte: "Ich finde, das ist eine wunderbare Kombination zwischen Musik, Tanz und Zeitgeschichte."

Zu Beginn des Abends: fast fünf Minuten Stille. Eine Herausforderung. Das Licht im Zuschauerraum ist noch an, als der erste Tänzer als Soldat über die Bühne geht, fällt. Dann erst kommt der Dirigent und wird klatschend vom Publikum begrüßt. Alles vermischt sich, der Krieg ist Wirklichkeit, wir sind dabei.

Erster Solist Aleix Martínez als namenloser Erzähler

Erster Solist Aleix Martínez in dem Ballett "Dona Nobis Pacem" von John Neumeier auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper. © dpa Foto: Marcus Brandt
Der Erste Solist Aleix Martínez ist der namenlose Erzähler in Neumeiers Inszenierung.

Wie ein Reisender, ein Erzähler begleitet uns Aleix Martínez als namenlose Figur, als "Er". In seinem Koffer sind Fotos, Lebenserinnerungen. Er begegnet Soldaten, Kindersoldaten sogar, die im Krieg sterben. Ein wenig Aufatmen, wenn rot gekleidete Frauen mit geöffneten Armen fast spielerisch leicht tanzen oder die Engel in verheißungsvollen, weißen Kleidern Frieden möglich erscheinen lassen. Und tatsächlich: Die Tänzer und Tänzerinnen schmiegen sich an die wunderbare Musik, sind fast wie die Noten, die einfach dazugehören. 

Bundeskanzler Scholz von Inszenierung berührt

Bundeskanzler Olaf Scholz und John Neumeier bei einer Pressekonferenz © NDR Foto: Annette Matz
Bundeskanzler Olaf Scholz (hier mit John Neumeier) zeigte sich von der Inszenierung berührt.

Holger Speck ist ein außerordentlicher Dirigent, der sein Vocalensemble Rastatt und das Hamburger Ensemble Resonanz sicher durch Bachs Messe leitet. "Es war Glaube, Liebe, Hoffnung - von John Lennon über Hiroshima. Es war ganz viel und ganz großartig", sagte eine Zuschauerin. Der Schrecken das Atombombenabwurfs - eine Szene, die Bundeskanzler Olaf Scholz besonders berührt hat, wie er später in einer kurzen Rede betonte: "Sehr berührt auch deshalb, weil das nicht nur ein Teil dieses Stückes ist, sondern eine ganz konkrete Gefahr, mit der wir in diesem Jahr konfrontiert sind. Es war deshalb wirklich wichtig, dass bei dem G20-Treffen die gesamte Weltgemeinschaft noch einmal gesagt hat: Diese Grenze darf nicht überschritten werden."

Neumeier: "Stück ist keine Antwort auf politische Ereignisse"

Szene aus dem Ballett "Dona Nobis Pacem" von John Neumeier auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper. © dpa Foto: Marcus Brandt
Die h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach zu choreografieren sei die größte Herausforderung seiner Karriere, sagte Neumeier.

Sein Stück sei keine Antwort auf die politischen Ereignisse, sagt John Neumeier. Aber selten war die Ballettbühne so unmittelbar verwoben mit der Realität. Diese Messe zu choreografieren sei die größte Herausforderung seiner Karriere, sagte John Neumeier. Zum Glück hat er sie angenommen. Die Sehnsucht nach Frieden ist nicht nur in Kriegszeiten da, sondern immer im Seelenleben eines jeden Menschen. Das zeigt dieser Abend in einer durchdringenden Tiefe, die ihresgleichen sucht. Jubel am Schluss - zu Recht.

Weitere Informationen
John Neumeier © picture alliance/dpa | Christian Charisius Foto: Christian Charisius

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 05.12.2022 | 07:20 Uhr

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Oper

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