"Aus dem Leben" - Inszenierung von Karin Beier im Malersaal am Deutschen Schauspielhaus Hamburg © Thomas Aurin 2021 Foto: Thomas Aurin

"Aus dem Leben": Abend über den Tod am Schauspielhaus Hamburg

Stand: 16.12.2021 12:01 Uhr

Am Mittwoch hat Intendantin Karin Beier im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses Hamburg ein neues Projekt uraufgeführt. In "Aus dem Leben" geht es um Sterbenskranke, die den Freitod suchen.

Ensemble mit Bläsern auf der Bühne  - "Aus dem Leben" - Inszenierung von Karin Beier im Malersaal am Deutschen Schauspielhaus Hamburg © Thomas Aurin 2021 Foto: Thomas Aurin
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von Peter Helling

Ein schwerer Stoff für ein starkes Stück, das Augen und Herzen öffnet und das Tabuthema Tod gelungen thematisiert.

Julia Wieninger im lila Pullover in  "Aus dem Leben" - Inszenierung von Karin Beier im Malersaal am Deutschen Schauspielhaus Hamburg © Thomas Aurin 2021 Foto: Thomas Aurin
Julia Wieninger spielt eine Sterbensbegleiterin in "Aus dem Leben" von Karin Beier.

Julia Wieninger spielt eine Sterbebegleiterin. "Ich habe mich am Anfang dieser Telefonberatungen wirklich sehr hinterfragt: Christel, das bin ich, was machst du eigentlich?" fragt sie mit Blick direkt ins Publikum. Im violetten Pullover, mit langem, leicht ergrautem Zopf strahlt sie Vertrauen aus. Diese Frau wird einen nicht sitzen lassen, sie geht mit - bis zum Schluss. "Selbstbestimmt zu leben und zu sterben, das ist einfach so - richtig", sagt sie.

"Aus dem Leben" - ein Abend über das Sterben-Wollen im Malersaal

Wie erzählt man vom Sterben oder genauer: vom Sterben-Wollen? Noch dazu heute, wo einem Tag für Tag das Sterben in toten Ziffern und kalten Kurven entgegenkommt? Man macht es am besten so: indem das Theater sich tief verbeugt vor der Wirklichkeit.

Ort der Uraufführung ist der Malersaal, eigentlich ein vertrauter Raum. Aber so weit weg war er wohl lange nicht, so Keller-tief. Ein beiger Teppich, der jedes Geräusch dämpft, die Fenster an der Rückwand verschlossen hinter tiefbraunen Samtvorhängen. Links und rechts an den Wänden prangen Ölschinken, rechts steht außerdem ein leerer Tisch. Es ist eine Art Aussegnungshalle.

Aus dem Off dringen immer wieder Tonausschnitte aus dem Deutschen Bundestag: Hier wurde über Sterbehilfe diskutiert. 2020 hat das Bundesverfassungsgericht verfügt: Sogenannter assistierter Suizid ist legal.

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Eine Hand mit zwei kleinen Tabletten. © NDR/Kulturjournal

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Markus John berührt einen Sterbebegleiter

In dieses Totenzimmer treten fünf Schauspieler und Schauspielerinnen. Nach und nach. Maximilian Scheidt knipst das Licht an. Es folgen Lina Beckmann als eine Pflegerin, Carlo Ljubek als krebskranker Mann in den besten Jahren von Schmerzen gepeinigt. "Warum muss so ein toller Typ wie ich jetzt dran glauben?", fragt Ljubek.

Markus John spielt wundervoll einen schüchternen, fast verlegenen Sterbebegleiter. Das alles tut weh beim Zuschauen, denn die Texte stammen von realen Menschen, Sterbenden, Sterbegleiterinnen und Angehörigen, die das Team um Regisseurin Karin Beier für das Projekt interviewt hat. Das fünfköpfige Ensemble leiht ihnen Körper und Stimme. "Und dieses allerletzte Telefonat, was ich mit ihr am Abend vor ihrem Freitod geführt habe, das werde ich wirklich mein Leben lang nicht vergessen.", sagt Julia Wieninger als Sterbebegleiterin Christel. Im Laufe des Abends wird aus dem Totenraum ein Festsaal.

Die echten Texte beginnen zu atmen

So entsteht ein feines Gewebe zwischen Dasein und Nicht-mehr-Sein, an der Schwelle: Die Schauspieler und Schauspielerinnen spielen so dicht, lassen so tief blicken, füllen die Sprache von innen aus, dass diese echten Texte zu atmen beginnen. Der Theaterabend macht den Gedanken des Todes aushaltbar.

Und ich will einfach nicht ohne Euch sein, bringt Euch nicht um, bitte! Maximilian Scheidt in "Aus dem Leben"

Ensemble mit Bläsern auf der Bühne  - "Aus dem Leben" - Inszenierung von Karin Beier im Malersaal am Deutschen Schauspielhaus Hamburg © Thomas Aurin 2021 Foto: Thomas Aurin
Das Theater bringt den Tod zum Tanzen.

Das Publikum erlebt erschütternde Geschichten vom Sohn, dem seine Eltern sagen, sie wollten beide sterben - obwohl die Mutter noch kerngesund ist. Es erfährt vom letzten Wunsch einer Reiterin, die noch mal ihr Pferd sehen möchte. "Da stand dieses riesige, wunderschöne starke Tier, und sie hat sich verabschiedet", sagt Lina Beckmann.

Ergriffen erzählt eine Besucherin nach der Premiere: "Es ist ein sehr diffiziles Thema und es ist sehr gut umgesetzt worden, mit so viel Feingefühl und Geschick". Es sei sehr gut, meint eine andere: "Sehr realitätsbezogen, mit sehr viel Ironie, ich fand's toll". Eine weitere sagt, es sei "tiefgründig und trotzdem fröhlich, es war einfach nur klasse, ein ganz toller Abend!"

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Außenaufnahme vom deutschen Schauspielhaus in Hamburg © dpa picture alliance Foto: Markus Scholz

Kulturpartner: Deutsches SchauSpielHaus Hamburg

Das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg gehört zu den führenden Theatern in Deutschland. extern

"Aus dem Leben": Abend über den Tod am Schauspielhaus Hamburg

Karin Beiers Stück öffnet Augen und Herzen und thematisiert das Tabuthema Tod gelungen mit einem starken Ensemble.

Datum:
Ende:
Ort:
Deutsches Schauspielhaus
Kirchenallee 39
20099 Hamburg
Telefon:
(040) 248 713
E-Mail:
kontakt@schauspielhaus.de
Kartenverkauf:
Karten gibt es online beim Schauspielhaus, www.schauspielhaus.de
Hinweis:
Ein Projekt von Brigitte Venator und Karin Beier
basierend auf Interviews mit Sterbebegleiter*innen, Palliativpfleger*innen, Suizidwilligen und ihren Angehörigen
mit:  Lina Beckmann, Markus John, Carlo Ljubek, Maximilian Scheidt, Julia Wieninger 
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 16.12.2021 | 19:00 Uhr

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