Drei Tänzer in Bewegung © Robin Hinsch/Kampnagel Foto: Robin Hinsch

"A Singthing" auf Kampnagel: Barrierefreiheit in der Kultur

Stand: 25.11.2021 07:44 Uhr

Ein Künstlerteam in der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel untersucht in der Inszenierung "A Singthing", ob Opernarien auch Menschen berühren, die sie gar nicht hören können: Wie klingt das, eine Arie ohne Töne?

von Peter Helling

Geschmetterte Opernarien von Pavarotti, von der Callas oder Netrebko sind Ohrwürmer, die wirklich jeder und jede kennt. Oper reißt die meisten vom Hocker, vor allem Schmachtfetzen wie dieser beispielsweise Nessun Dorma - Luciana Pavarotti mit Volldampf! Aber kann man diese Arie auch anders wahrnehmen? Dann etwa, wenn man gar nicht hören kann? Kampnagel möchte das wichtige Thema Barrierefreiheit in der Kultur untersuchen.

Ein spannendes Experiment: Eine Perkussionistin, Sabrina Ma, rennt über die Bühne, lässt die Hände flattern und tritt mit voller Wucht auf den Boden, bis die Tribüne zu vibrieren beginnt, Motoren geben den Impuls weiter - wie ein überdimensionaler Lautsprecher. Sabrina Ma zerlegt die Puccini-Arie in Vibration, in Lichtblitze, die sie durch das Schlagen zweier Pauken hervorruft, ohne sie zu berühren, bis auch sie am Schluss kein Halten mehr kennt, wie im "Original" der Arie

Wahrnehmung von Oper ist vielfältig

Regisseur Benjamin van Bebber erklärt die Idee dahinter: "Eine Richtung ist auf jeden Fall die, dass das Gerücht entsteht, dass die Oper eine Sprache, die ultimative Sprache der Gefühle sei, die uns alle verbinden kann. Dass die Arie als das Kernstück der Oper das ist, wo man unmittelbar seine Gefühle mitteilen kann. Stimmt das denn? Wenn ja, wie löst man das Versprechen ein?"

Nämlich für alle, ob nun mit Gehör oder ohne. Zusammen mit Co-Regisseur Leo Hofmann will er herausfinden, was dran ist, an dem Zauber und der Wucht großer Opernarien. "Woraus besteht eigentlich Musik, besteht das nur aus hörbaren Informationen oder auch aus haptischen, aus Schwingungen, aus optischen, aus beziehungsmäßigen Informationen?“, fragt sich van Bebber. Hier wird klar, die Wahrnehmung von Oper ist so vielfältig wie Menschen selbst, also: schier grenzenlos. "Es geht darum zu gucken, wie können wir zusammen musizieren auf der Bühne. Es geht darum, eine Sprache zu suchen, die uns verbindet", erzählt van Bebber.

Barrierefreier Kulturgenuss

Dieser Arien-Abend ist so ganz anders als Sekt und Schnittchen und Best-Off aus der CD-Sammlung zu Hause. Als Hörender wird man aus Gewohnheiten geschleudert und lässt sich auf ein anderes Zuhören ein, auf ein individuelles, sinnliches Erleben. Das geht schon damit los, dass Benjamin van Bebber am Anfang auffordert, die Schuhe auszuziehen, um die Vibrationen unter den Füßen mitzufühlen. Co-Regisseur und Komponist Leo Hofmann wird ein Renaissance-Lied über Lautsprecher komplett verfremden, nimmt es in Gesten und überdehnten Bewegungen geradezu in sich auf. "Unsere Erfahrung war auch, man kann das Publikum oder auch unseren eigenen Cast nicht in zwei Gruppen, die Hörenden und Nichthörenden, aufteilen, sondern es gibt einfach sehr viele verschiedene Sprachen", so Leo Hofmann.

Am Schluss tritt eine gehörlose Performerin auf, Athina Lange. Und das Aufregende ist: Sie geht den anderen Weg, vom Bild zum Ton. Sie sieht ein Video vom legendären Auftritt von Maria Callas in Hamburg vor mehr als 60 Jahren und übernimmt die dramatischen Gesten der Diva, beginnt, ihren Körper zum Instrument zu machen, stößt einzelne Laute hervor, obwohl sie die Arie noch nie gehört hat. Mit Gebärdensprache, die auf einer Videoleinwand übersetzt wird, erzählt sie, wie sie die innere Musik nach außen trägt.

Ihr Gesang, ihre Gesten sind hochdramatisch, voller Seele. Und das Verrückte ist, während die Callas tonlos auf dem Video gestikuliert, meint man, die innere Musik von Athina Lange tatsächlich mitzuhören. Auf einzigartige Weise wird hier das innere Ohr zum Gradmesser der Empfindung. Töne? Sind dafür gar nicht notwendig. Kampnagel will mit diesem Projekt beweisen, dass Kulturgenuss barrierefrei ist, also für alle Menschen erlebbar, mit oder ohne Beeinträchtigung. Alles: eine Frage der Perspektive. 

 

"A Singthing" auf Kampnagel: Barrierefreiheit in der Kultur

Können Opernarien auch Menschen berühren, die sie gar nicht hören können? Dieser Frage widmet sich "A Singthing".

Datum:
Ende:
Ort:
Kampnagel
Jarrestraße 20
22303 Hamburg
Telefon:
+49 40 270 949 49
E-Mail:
kasse@kampnagel.de
Preis:
15 Euro
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 24.11.2021 | 19:00 Uhr