Stand: 25.04.2019 17:17 Uhr

NachGedacht: Das Herz Kolumniens in Flammen

von Alexander Solloch

Journalisten aus aller Welt übertreffen sich mit ihren dramatischen Schlagzeilen immer wieder. Alexander Solloch hat sich über große Gefühle, Kitsch und den Brand einer Kathedrale Gedanken gemacht.

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Alexander Solloch hat über Schlagzeilen nachgedacht.

Och, denkt man und hmhm und naja, solche Dinge und ein paar andere mehr denkt man, satt und faul und vollgelesen, wenn man die Vorschauen der Buchverlage für den Herbst durchblättert, und ganz gelegentlich doch aber auch: oha und oho! Ein "Oho" vor allem für die Ankündigung des Rowohlt-Verlags, dass Juan Moreno, der SPIEGEL-Reporter, der die Betrügereien seines Kollegen Claas Relotius aufgedeckt hat, im September ein Buch über die Affäre vorlegen wird.

Der Titel - "Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus" - verspricht mehr als diesen wohligen Schauder, der einem beim Lesen eines guten Krimis den Rücken hinunterkrabbelt. Er verspricht den tiefen Blick in die unschönen Winkel journalistischer Alltagspraxis. Darum ist dieses Buch, an dem Moreno gerade schreibt, so wichtig - möge es bitte gelingen!

Eine Ausnahme

Der Relotius-Skandal als solcher ist ja vielleicht eine Ausnahme. Hoffen wir das einfach mal, wie wir ja auch fromm hoffen, dass jede absurde Schiedsrichter-Entscheidung zugunsten von Bayern München eine Ausnahme ist und ebenso jede Rathaus-Mauschelei in Hannover oder sonstwo. Sagen wir also: der Wille zur bewussten Täuschung des Publikums sei eine Ausnahme.

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Mit diesem Glauben kommen wir nur leider noch lange nicht hinweg über das grundsätzliche Problem des Journalismus, auf das uns Relotius unfreiwillig gestoßen und an dem sich seit seiner Demaskierung natürlich überhaupt nichts geändert hat: die aggressive und im Kern eben auch verlogene Penetranz der Effekthascherei. Täglich äußert sie sich in unzähligen Fällen, Ausnahmefällen selbstverständlich, die - jeder für sich genommen - gar nicht so schlimm und in der Summe dann eben doch dramatisch sind.

Das Herz Frankreichs in Flammen

Als zum Beispiel die Kathedrale Notre-Dame brannte, da brannte vor allen Dingen - man muss das mal so klar sagen - die Kathedrale Notre Dame. Schon in den allerersten Ausgaben der Zeitungen und auf den Internet-Seiten auch der seriösesten Medien geschah jedoch ganz etwas anderes. Da ging es nicht mehr um ein Feuer in einem bedeutenden Bauwerk, sondern nur noch darum, wer den irren Wettbewerb um die geilste Überschrift gewinnt.

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Da stand "das Herz Frankreichs in Flammen" oder lag wahlweise auch schon "in Asche", war Frankreich jedenfalls "mitten ins Herz" getroffen, wobei immerhin per soziologischer Schnelldiagnose "im Ende ein Anfang" lag (denn, nicht wahr, dieses tolle Feuer hat das bis dahin gespaltene Frankreich wieder zur Einheit zusammengeschmolzen, was zwar vollendeter Quatsch ist, aber jedem Leser, Hörer, User und Tierfilmgucker, der noch ein Herz in Flammen hat, weitere drei Tränen abringt).

 

Schlechte Reime und große Gefühle

Und auch die französischen Kollegen geizten nicht mit bebender émotion, bedichteten "Notre drame" und scheuten auch nicht die schlechtesten Reime: "Des flammes et des larmes", "Flammen und Tränen"…  mon dieu, werte Journalistinnen und Journalisten, schon klar, ihr wollt alle höher hinaus, aber solange ihr kein Kitschnäpfchen auslasst, werden eure literarischen Ambitionen immer in Unschönheit sterben. Zu Schriftstellern euch zu bilden, ihr hofft es vergebens; bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Berichterstattern euch aus!

Wir alle sind ja, auch das hat der Fall Relotius gezeigt, so scharf auf Preise. Was noch fehlt, ist der Preis für die beste journalistische Schlagzeile. Gewinnen müsste ihn - für die einzigartige Leistung, dem Publikum eigene Gedanken und eigene Gefühle zuzutrauen - die Redaktion des "Göttinger Tageblatts", der die Überschrift "Großbrand zerstört Notre-Dame" gelang. So klar, so kraftvoll, so gut – da geht das Herz des Autors dieser Kolumne auf, mehr als das, es hüpft und springt und leuchtet, es entflammt, entflammt lichterloh, man kann es nicht anders sagen: Das Herz Kolumniens steht in Flammen.

Alexander Solloch © NDR Foto: Christian Spielmann

Das Herz Kolumniens in Flammen

NDR Kultur - NachGedacht -

Journalisten übertreffen sich in ihren Schlagzeilen immer wieder. Alexander Solloch hat sich über große Gefühle, Kitsch und den Brand einer Kathedrale Gedanken gemacht.

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Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 26.04.2019 | 10:20 Uhr

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