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Das Kirchenlexikon - P wie Prozession auf den Knien

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Auf einer Reise durch Polen haben wir in einer Wallfahrtskirche eine ganz ungewöhnliche Art zu beten gesehen. Da haben sich Frauen und Männer mit einem Rosenkranz in der Hand auf den Knien rund um den Altar bewegt. Warum haben die das gemacht?

Diese ungewöhnliche Art der Prozession bringt zum Ausdruck, wie wichtig dieser Wallfahrtsort für die Menschen ist. Es ist ein heiliger Ort. Dort hat eventuell eine bedeutende Person gewirkt, sie ist dort begraben oder an dem Ort hat sich etwas ereignet, das alles Verstehen übersteigt. Durch die demütige Haltung in der Prozession erinnern Menschen daran: Dies ist nicht irgendeine Kirche.

Das Knien galt schon in der römischen Kaiserverehrung als Ausdruck der Hochachtung. Auch in anderen Kulten konnten sich die Menschen Gott nur auf den Knien nähern. Stehen durften nur Wenige vor der Gottheit oder dem Kaiser. Christen aber dürfen vor ihrem Gott stehen. Sie müssen sich nicht klein machen. Denn sie haben vor Gott als seine Geschöpfe ihre eigene Würde.

Trotzdem kennt vor allem die katholische Tradition auch das Knien. Und es gibt sogar Orte, da bewegen sich Christen nur kniend fort. Weltweit bekannt ist dafür eine Treppe im Lateran, dem mittelalterlichen Papstpalast in Rom. Da gibt es die Kapelle Sancta Sanctorum, was übersetzt so viel heißt wie "Der allerheiligste Ort". Zu ihm führt eine besondere Treppe hinauf. Die "Heilige Treppe". Sie stammt angeblich aus dem Palast von Pontius Pilatus in Jerusalem. Wenn das stimmt, dann könnte sie Jesus bei seinem Prozess betreten haben. Die Treppenstufen wurden der Überlieferung nach schon von der heiligen Helena, der Mutter Kaiser Konstantins, im Jahr 326 nach Rom gebracht. In Erinnerung an die Leiden Christi soll niemand die Treppe mit Füßen betreten, sondern sich - im Sinn des Wortes - kniend hinaufbeten.

Zunächst dienten die Stufen als Zugangstreppe zum päpstlichen Palast. Ende des 16. Jahrhunderts erhielt die bis dahin freistehende Treppe einen Überbau. Seit 1723 werden die Marmorstufen mit einer Verkleidung aus Nussbaumholz vor Abnutzung geschützt. An drei Stufen gibt es Sichtfenster, durch die man angebliche Blutspuren Christi sehen kann. Für Außenstehende wirkt das Hinaufbeten ebenso befremdlich wie eine Prozession auf den Knien. Die Betenden bringen damit ihre tiefe Verehrung zum Ausdruck für das, was sich an dem besonderen Ort ereignet hat. Darum beten sie in einer anderen Körperhaltung als gewöhnlich.

Autor: Andreas Brauns

Mehr aus dieser Sendereihe lesen Sie in: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

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