Eine Frau hebt den Zeigefinger an den Mund. © g.sperling / photocase.de Foto: g.sperling / photocase.de

Kolumne: "Meinungspause"

Stand: 03.10.2021 07:30 Uhr

"Ich muss das nochmal überdenken." Radiopastorin Susanne Richter hat Sehnsucht nach einer Meinungspause. "Warum gönnen wir uns das so selten?", fragt sie in der aktuellen Kolumne.

von Susanne Richter

"Öfter mal die Klappe halten", steht auf dem T-Shirt. Ich habe es in der Stadt gesehen. Falls jemand weiß, wo man sowas kriegt: Infos bitte an die Radiokirche. Ich hätte gerne so eins! Da gönnt uns endlich mal jemand 'ne Pause! Fantastisch! Ruhe vom Stellung beziehen, Statement abgeben, Einstellung darlegen. Mein Gefühl: So eine Pause findet nicht mehr statt. 

In meinem Umfeld zumindest nicht. Da wird rund um die Uhr abgefragt und gepostet. Wie siehst Du das? Wie sollen wir mit Impfgegnern umgehen? Mit E-Autos, mit Laschet und Afghanistan? Ist es okay in den Urlaub zu fliegen, wenn man dafür nur noch im Bioladen einkauft? Da antworte oder poste ich doch mal schnell meine Meinung zu. Klar, mich rauszuhalten war noch nie meine Stärke. Und es ist ja auch wichtig, seinen Mund aufzumachen, ist ja erste Bürgerpflicht, sagt man.  

Soziale Medien: Meinungsstark aber ahnungsfrei

"In den sozialen Medien geht es ahnungsfrei aber dafür meinungsstark zu", spottet mein Mann gerne. Ist eigentlich auch kein Wunder, wir sind auf Output ausgerichtet. Und "Sowohl als auch" ist keine griffige Schlagzeile. Nur was ist, wenn das Gefühl der Stunde tatsächlich "schweige und höre" ist?

In den letzten Tagen hat sich bei mir etwas Neues entwickelt: Sehnsucht nach Meinungspause, nach Sacken lassen. Vielleicht liegt's an der Wahl. Auf jeden Fall, ich bin meinungsmüde. Ich sehne mich nach: "Ich habe mir dazu noch keine Meinung gebildet. Ich muss die neuen Informationen erstmal verdauen. Ich möchte noch einmal darüber schlafen, ich bin unentschieden."

Mut für mehr Meinungspausen

In der Bibel gibt es eine Reihe von Geschichten, wo Menschen aus dem Dauer-Sendemodus auf Empfang umschalten. Sie gehen in die Wüste, sie werden stumm für eine Zeitlang, sie ziehen sich zurück zum Gebet. Sie horchen auf die innere Stimme, auf Gott, warten auf neue Erkenntnisse. Auf eine Eingebung, was jetzt das Gebot der Stunde ist, nach einer Richtung. Die muss sich erst zeigen, die braucht Entwicklungsraum. Wer sofort etwas in die Welt posaunt, bevor es innerlich richtig abgeglichen und angebunden ist, verrennt und verliert sich.

Susanne Richter © Kirche im NDR Foto: Christine Raczka
Radiopastorin Susanne Richter wünscht sich mehr Mut für Meinungspausen.

Mein Wunsch: Mehr Mut für solche Pausen. Für alle von uns. "Nochmal mitnehmen in die innere Klausur", statt "schnell, schnell". Wieviel Ärger könnten wir uns damit sparen. Unsere Kolumne "Kreuz, Herz, Anker" von Haus aus "meinungsstark" angelegt, beende ich darum heute schlicht mit: "Mehr kann ich dazu im Moment nicht sagen. Ich muss noch mal in mich gehen."

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jeden Donnerstag vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 03.10.2021 | 07:30 Uhr

Ein Herz, Kreuz und Anker aus Filz an einer Öse © Jürgen Gutowski

Kreuz - Herz - Anker

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben unsere Autoren ein Kreuz für Glauben, ein Herz für Liebe oder einen Anker für Hoffnung. mehr

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