Eine Weinbergschnecke © Christine Raczka Foto: Christine Raczka

Kolumne: "Die Resilienz der Schnecke"

Stand: 20.06.2021 07:30 Uhr

Für Schnecken gibt es immer einen Plan B, sagt die siebenjährige Tochter von Susanne Richter. Die Pastorin hofft, dass die Kleine ihr Urvertrauen behält.

von Susanne Richter

"Das schaffen die: Schnecken können ihr Haus von innen heraus reparieren." Meine Kinder hocken vor ihrem selbstgebastelten "Kleintiergehege", fünf Weinbergschnecken auf meinem Blattsalat mit Auslaufparcours auf der Terrasse. Mein vierjähriger Sohn ist in Sorge: Was passiert, wenn so ein Schneckenhaus zu Bruch geht? "Notfalls können Schnecken auch umziehen", tröstet meine siebenjährige Tochter. "Die kriechen dann zu ihren Freunden und bekommen ein ausrangiertes Haus ausgeliehen." Nach einiger Zeit ergänzt sie: "Und wenn alles nicht mehr hilft, arbeitet sie einfach als Nacktschnecke weiter."

Ich verkneife mir ein Lachen. Aber mein Sohn strahlt sichtbar erleichtert. Holt sich eine Schnecke aus meinem Salat und beobachtet voller Konzentration, wie die Schnecke langsam über seine Handinnenfläche kriecht, ihre Fühler neugierig in die Sonne gestreckt. Die Welt ist in Ordnung: Für jedes Problem gibt es eine Lösung. Wenn man in Not ist, gibt es Schutz bei anderen. Und im Zweifel immer einen Plan B oder C.

Vertrauen im Leben ist eine Herausforderung

Erstaunlich, dass die beiden sich nicht an den Schneckenmatsch auf dem Fahrradweg zur Kita erinnern, schießt es mir durch den Kopf. Auf der anderen Seite: Schön, dass sie eine so positive Grundhaltung haben. Erstmal ist da ein großes kindliches Vertrauen: Es geht gut aus. Aber was wird daraus, wenn die beiden größer werden? Wenn sie bewusst mitkriegen, dass die Metamorphose von Weinbergschnecke in Nacktschnecke doch tödlich ausgeht?

Als Erwachsene haben wir ja meistens nicht nur Haustiere sterben sehen, sondern auch erfahren, dass eben nicht jede Geschichte ein "gutes Ende" nimmt. Dann weiter zu vertrauen, ist eine Herausforderung. Und eigentlich der Kern des christlichen Glaubens: Die Erfahrung, dass wir geborgen sind, dass das Leben Sinn macht, egal, wie es äußerlich ausgeht. Das wünsche ich nicht nur meinen Kindern, sondern uns allen!

Susanne Richter © Kirche im NDR Foto: Christine Raczka
Radiopastorin Susanne Richter wünscht allen Geborgenheit und Sinn im Leben - egal wie es äußerlich ausgeht.

"Guck mal, wie niedlich sie sind", sagt da meine Tochter. Und tatsächlich: Bis jetzt habe ich noch nie wahrgenommen, wie hübsch und fröhlich-zufrieden diese Tiere sind.

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jeden Donnerstag vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 20.06.2021 | 07:30 Uhr

Ein Herz, Kreuz und Anker aus Filz an einer Öse © Jürgen Gutowski

Kreuz - Herz - Anker

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben unsere Autoren ein Kreuz für Glauben, ein Herz für Liebe oder einen Anker für Hoffnung. mehr

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