Stand: 16.05.2018 09:45 Uhr

Kolumne: Bundesliga-Träume am Pfingstmontag

von Claudia Aue

Die beiden Fans weinen bitterlich, die Köpfe gesenkt, wie begossene Pudel. Abpfiff vor einer Minute. Und das heißt für Eintracht Braunschweig: Abstieg in die dritte Liga. Gerade noch stand ich im Fanblock "Nur Holstein Kiel …" - die Kieler spielten ihre Braunschweiger Gegner mit 6:2 in Grund und Boden. Großartig, ein bisschen so, als ob ich gefühlt selbst auf dem Platz stehe. Dann, vor der Tür, die beiden tieftraurigen Braunschweig-Fans.

Ich versuche, zu verstehen

Bild vergrößern
Pfingst- und Fußballwunder? Claudia Aue hofft auf einen Aufstieg von Holstein Kiel.

Mitleid mischt sich unter meine Siegesfreude. So viele begossene Pudel …. und so viele überglückliche Holstein-Fans. Zwei Relegationsspiele noch, und wir könnten in der Bundesliga sein. Wir? Mit einem Kaffee auf der Terrasse mache ich eine Stunde später zuhause das, was man beim Fußball nicht tut: ich versuche, zu verstehen. Warum kriege ich schwitzige Hände, wenn es um einen Relegationsplatz geht? Warum weinen Menschen im Stadion und nicht bei den aktuellen Bildern aus dem Gazastreifen? Warum stelle ich mich in eine Horde grölender Männer? Und das, nachdem sich gerade der Verein Holstein Kiel überlegt hat, sich vielleicht einfach mal von seiner Frauen-Sparte zu trennen, um "die Kräfte zu bündeln"? Keine Ahnung.

Die schönste Nebensache, ...

Oder vielleicht deswegen, weil Fußball so weit weg von dem ist, was mich sonst um- und antreibt: der Sekundenzeiger auf der Uhr, Hoch und Tiefs bei der Arbeit, das Sorgen um kranke Eltern oder das ganze Organisieren. Als Fußball-Fan schalte ich mein Gehirn nicht aus, aber für ein paar Stunden werden anstrengende Gedanken nebensächlich. Das tut gut! Und, wenn meine Hände schwitzen und mein Blutdruck steigt, weiß ich: Nach 90 Minuten schlüpfe ich wieder in mein anderes Leben.

... bei der die Welt nicht untergeht

Eine Welt, in der es zum Glück wirklich noch etwas anderes gibt als das Klein-Klein im Alltag. Ein Blick nach oben, der mich sicherer macht, als irgendetwas auf irgendeinem Platz. Das Vertrauen auf Pfingsten - darauf, dass Menschen sich wirklich irgendwann verstehen, nicht mehr rassistisch pöbeln und sich respektieren. Pfingstmontag ist das letzte Relegationsspiel von Holstein Kiel. Aufregend. Aber auch wenn wir verlieren, geht die Welt nicht unter. Dafür ein pfingstliches Herz der Liebe!

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jede Woche vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Weitere Informationen

Kiel selbstbewusst: Nichts stört die "Störche"

Weder der Trainer-Abschied noch die Stadiondiskussion hat die Holstein-Fußballer beeinflusst. Die "Störche" gehen die Relegationsduelle mit dem VfL Wolfsburg selbstbewusst an. mehr

Kreuz - Herz - Anker

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben unsere Autoren ein Kreuz für Glauben, ein Herz für Liebe oder einen Anker für Hoffnung. mehr