Stand: 16.01.2019 09:15 Uhr

Kolumne: "Carpe diem"

von Christine Oberlin
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Viele haben 2019 schon voll durchgeplant.

"Lieber vormittags oder nachmittags?" Ehe ich der freundlichen Arzthelferin antworten kann, muss ich jetzt doch in meinem Kalender kramen. "Wir sind im April", sagt sie. "Vorher wird es nichts." Immerhin meint sie nicht 2020. Also schaue ich, wann ich Mitte April lieber vormittags oder nachmittags möchte. Und so finden wir einen Termin. Kein Problem. Außerdem weiß ich ja, wie schnell die Zeit vergeht. Der Januar geht in die dritte Woche, und schon ist das Jahr durchgeplant.

Und wissen Sie, was mir dabei aufgefallen ist? Eigentlich vergeht Zeit gar nicht. Sie liegt anschmiegsam in meiner Hand. Und ist zum Greifen nah, wie der Dichter Horaz meinte: "Carpe diem" - nutze die Zeit.

Jeder Tag ist ein Geschenk

Da ist sie, meine Zeit. In rotes Kunstleder gebunden, mit eingeprägten Blümchen und rotem Bändchen, damit ich immer weiß, wo ich gerade stehe im Jahr 2019. Unklare Termine mit Bleistift, Geburtstage in Rot mit Sternchen, wichtige Daten mit Füller oder Kuli, oder in Farbe mit Textmarker unterlegt. Noch ganz altmodisch und nicht online. Weil ich das Blättern durch die Seiten des Jahres mag. Das Zurückblättern und Vergewissern und das Vorausschauen und Planen. Und besonders der Blick aufs heute. Jetzt. Dieser Tag, dieser Moment. Links die Zeitleiste, rechts die To-do-Liste.

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Jeder Tag ist wie ein Geschenk, findet Christine Oberlin.

Ja, das ist mein Tag. So nehme ich ihn in die Hand. Natürlich stimmt das nur aus einer bestimmten Perspektive. "Frage nicht", schreibt Horaz an seine Leukonoë, "welches Ende die Götter dir, welches sie mir zugedacht haben, und versuche dich nicht an Berechnungen". Sondern "carpe diem". Das heißt - habe ich schon in der Schule gelernt - "pflücke den Tag". Wie eine reife, schmackhafte Frucht oder eine schöne Blume, über die ich mich freue. So ist der Tag. Es ist meiner, ich habe ihn von Gott geschenkt bekommen.

Das gefällt mir besser, als ständig zu überlegen, wie ich das Beste und möglichst viel aus einem Tag raushole. "Pflücke den Tag." Das ist ein Geschenk. Und eine Chance - an jedem Morgen neu.

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jeden Mittwoch vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Kreuz - Herz - Anker

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