Stand: 28.06.2020 07:45 Uhr

Kolumne: "Befreiungstag der Schwulen und Lesben"

von Jan Dieckmann
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Auch in Hamburg demonstrieren Schwule und Lesben seit 40 Jahren für Akzeptanz und Toleranz.

"Die drei warmen Brüder" - so nennt der sogenannte Volksmund ein mit drei markanten Schornsteinen ausgestattetes Heizkraftwerk in Hannover. Süffisantes Lächeln. Auf Schulhöfen wird immer noch "Du Schwuler!" oder "Du Lesbe!" gerufen, um Mitschüler zu beleidigen. Die Stigmatisierung homosexueller Menschen - und das gilt auch für alle anderen Spielarten der LGBTQ-Familie - ist nach wie vor tief in unserer Alltagssprache verankert.

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Politik und Party: Von der Stonewall-Demo zum CSD

Seit 40 Jahren demonstrieren Schwule und Lesben in Hamburg für Akzeptanz und Toleranz. Am 28. Juni 1980 zog mit der Stonewall-Demo der Vorläufer des Christopher Street Day erstmals durch die Stadt. mehr

Christopher Street Day erinnert an Unterdrückung

Von daher ist es gut, dass jedes Jahr im Juni der Christopher Street Day (CSD) gefeiert wird. Wir alle kennen die fröhlichen Umzüge in allen Farben des Regenbogens. Was weniger bekannt ist: Dieser Tag erinnert an Verfolgung und Unterdrückung. In New York und anderen Städten kam es in den 1960er-Jahren immer wieder zu gewaltsamen Übergriffen der Polizei auf Schwule und Lesben. Als am 28. Juni '69 wieder eine Razzia in einer Bar auf der Christopher Street durchgeführt wurde, begannen die Menschen sich zu wehren. Es kam zu Ausschreitungen und tagelangen Straßenschlachten. Seitdem ist der Christopher Street Day der "Befreiungstag der Schwulen und Lesben".

Entschuldigung der Kirche für Verfolgung Homosexueller

Diese Kolumne ist eine Liebeserklärung an all meine schwulen Freunde und lesbischen Freundinnen in und außerhalb der Kirche. Mein bester Freund aus der Uni-Zeit hieß Lui. Von ihm habe ich gelernt, dass Schwulsein eine verdammt harte Erfahrung ist für einen heranwachsenden Jungen: Existenzkrise, Familienkrise, Heimlichkeiten, Tränen und Ablehnung, weil zu jener Zeit Homosexualität noch viel weniger akzeptiert war als heute. Und später habe ich dann noch Armin, Andreas und Martina kennengelernt. Alles ganz wunderbar sensible und kluge Menschen.

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Pastor Jan Dieckmann ist froh, dass sich die Kirche gegenüber Homosexuellen geöffnet hat.

Die Kirche hat es homosexuell Liebenden über Jahrhunderte schwer gemacht, sie verurteilt und verfolgt. Ich bin froh, heute in einer Kirche zu arbeiten und zu leben, die auch homosexuelle Paare traut und segnet, und in der Bischöfe für die jahrhundertelange Verfolgung Homosexueller um Entschuldigung gebeten haben. Ich bin froh, dass homosexuelle Partnerschaften heute aus theologischer Sicht als gleichwertig anerkannt werden. Ich bin froh, dass wir die Bibel heute von ihrer Grundüberzeugung der Liebe Gottes zu allen Menschen lesen und danach handeln. Dafür ein Kreuz des Glaubens.

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jeden Donnerstag vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 28.06.2020 | 07:45 Uhr

Kreuz - Herz - Anker

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben unsere Autoren ein Kreuz für Glauben, ein Herz für Liebe oder einen Anker für Hoffnung. mehr