Stand: 17.10.2018 10:00 Uhr

Kolumne: Wo bleibt der Mensch?

von Jan Dieckmann

"Seit 54 Jahren fahre ich Taxi", erzählt mir der untersetzte ältere Herr. Grauer Schnauzer, Dreitagebart. "Ganz am Anfang hatten wir noch eine Trennscheibe. Aber als sich dann Peter Frankenfeld in meinem Wagen bei einer Vollbremsung die Nase an der Scheibe blutig gestoßen hat, war sie bald weg", sagt er und lächelt verschmitzt. Auf einer anderen Tour erzählt mir der Afghane Nabil, wie die Taliban Ende der 90er "wie eine Seuche" innerhalb weniger Wochen sein Land überrollt haben. Und wie sein Vater, der Dorfbürgermeister, versuchte sich Ihnen entgegenzustellen.

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Computer sind den Menschen in vielen Bereichen überlegen.

Solche Taxi-Geschichten werden in gar nicht mehr so ferner Zukunft der Vergangenheit angehören. Selbstfahrende Taxis bringen mich dann sicherer und schneller an mein Ziel. Und dabei wird es nicht bleiben: Das Erstellen von Krankheitsdiagnosen und Rechtsgutachten, das Lenken von LKWs über die Autobahnen, Versicherungsangebote, Partner- und Lektürewahl, all diese Aufgaben und noch viel mehr werden in zehn oder spätestens 20 Jahren von der "KI", der "künstlichen Intelligenz" bewältigt werden. Komplexe Algorithmen werden viele Berufe vernichten, unser Leben gehörig umkrempeln.

Macht künstliche Intelligenz einsam?

Mir macht dieser Blick in die Zukunft Sorgen. Ich habe viele Fragen. Aber können wir uns der technischen Entwicklung überhaupt entgegenstellen? Wird es nicht vielmehr so kommen, dass wir Alexa, Siri, Cortana - oder wie künstliche Intelligenz zukünftig auch heißen mag - lieben werden? Weil sie uns irgendwann nicht nur sicherer kutschieren, sondern auch besser kennen als wir uns selber und daher auch bessere Entscheidungen treffen? Wo führt das hin? Ich fürchte, es wird so laufen: Erst werden Alexa, Siri und Cortana uns unterstützen. Dann werden wir nicht mehr auf sie verzichten wollen. Und dann schließlich werden sie unser Souverän.

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Pastor Jan Dieckmann hofft, dass uns künstliche Intelligenz nicht einsam und unglücklich macht.

Und wo bleibt der Mensch? Werden wir eines Tages bedauern, dass da keiner mehr neben mir im Taxi sitzt, um mir auf der Fahrt von A nach B etwas aus seinem Leben zu erzählen. Ein Mensch, dem ich in echt begegne, und der so Teil meiner Geschichte wird? Ein Anker der Hoffnung, dass uns diese schöne neue Zukunft nicht unglücklich, einsam und abhängig macht.

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jeden Mittwoch vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

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