Stand: 06.09.2020 07:30 Uhr

Kolumne: "Sterbehilfe kann barmherzig sein"

von Jan Dieckmann
Eine Kinderhand legt ein Blatt in eine Pfütze. © Pixabay / JenniferStr
Das allgemeine Persönlichkeitsrecht umfasst auch ein Recht auf selbstbestimmtzes Sterben, urteilte das Bundesverfassungericht im Februar 2020.

"Unter bestimmten Bedingungen kann der assistierte Suizid ein Akt der Barmherzigkeit sein." So pointiert - wie jüngst im Magazin "Christ & Welt" - hat noch kein prominenter Kirchenmann das Tabu der aktiven Sterbehilfe gebrochen. Ich bin dem hannoverschen Landesbischof Ralf Meister von Herzen dankbar dafür. All meine Lebenserfahrung und mein Glaube sagen mir: Ein Weiterleben-Müssen kann unbarmherzig, unchristlich und grausam sein. Es gibt Situationen, in denen es eine menschliche und christliche Pflicht ist, einen sterbenskranken Menschen nicht nur seelsorgerlich zu begleiten, sondern im Extremfall auch dabei zu unterstützen, seinem Leben ein Ende zu setzen.

Wunsch aus dem Leben zu scheiden, muss persönlich sein

Natürlich verstehe ich die theologischen wie auch die gesellschaftlichen Einwände gegen eine Lockerung der Sterbehilfe. Am meisten bewegt mich die Frage: Erhöht der wachsende Selbstbestimmungswunsch der Menschen angesichts des Todes und eine Lockerung der Sterbehilfe den Druck auf Alte und Schwache, doch bitte schön Platz zu machen und unsere Sozialsysteme nicht unnötig zu belasten? Das wäre schlimm. Hier müssen sich Christen und Kirchen engagieren.

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Nicht in Form von absoluten Tabus. Sondern genau an dieser Stelle: Dass niemals eine Stimmung aufkommt in unserer Gesellschaft, dass andere darüber entscheiden, ob jemand seinem Leben ein Ende setzt.

Es muss glasklar sein und bleiben, dass die Entscheidung, aus dem Leben scheiden zu wollen eine ganz persönliche ist, hochemotional, in der persönlichen Seelsorge sensibel zu hinterfragen, und da, wo sie im Vollbesitz der geistigen Kräfte gefällt wird, aber auch eine zu respektierende Entscheidung ist.

Aktive Sterbehilfe annehmen zu dürfen, kann beruhigen

Jan Dieckmann © Kirche im NDR Foto: Christine Raczka
Menschen sollten beruhigt sterben dürfen, sagt Pastor Jan Dieckmann.

Ich habe folgende Erfahrung gemacht: Menschen, die ihre letzten Dinge geregelt haben, inklusive der Möglichkeit auf einen assistierten Suizid zurückzugreifen, die haben mir immer wieder berichtet, wie beruhigt sie ihrem Sterben entgegensehen. Ich denke, allein die Möglichkeit, aktive Hilfe im Sterben annehmen zu dürfen und zu können, lässt mich und anscheinend auch viele andere Menschen besser leben. Dafür ein Herz der Liebe.

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jeden Donnerstag vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 06.09.2020 | 07:30 Uhr

Ein Herz, Kreuz und Anker aus Filz an einer Öse © Jürgen Gutowski

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