Person tippt auf dem Smartphone © Colourbox

Kolumne: "Bitte, ruft an!"

Stand: 10.12.2020 08:00 Uhr

Seit wann glauben wir eigentlich, dass Weihnachten das Fest der ungetrübten Harmonie ist? Für Einsame und Trauernde sind die Feiertage oft schwer zu ertragen. Die Telefonseelsorge ist für sie da.

von Jan Dieckmann

Es war ein winziger Raum mit vergilbter Raufasertapete. Vor dem Fenster mit den braunen Vorhängen stand ein Holzschreibtisch, darauf ein altes grünes 80er-Jahre-Telefon mit Tasten.

"Telefonseelsorge, guten Abend!" sagte ich, wenn es klingelte. Meistens folgte auf meine Begrüßung erst einmal Schweigen. Dann Atmen, Räuspern, die ersten tastenden Worte: "Ähhm", "Hallo", "Hier ist ..." Ganz langsam kam ein Gespräch in Gang. Sätze wie: "Sie sind der erste Mensch, mit dem ich seit Monaten spreche!", habe ich bis heute nicht vergessen. Heiligabend und an den Weihnachtstagen war der Dienst bei der Telefonseelsorge für mich ein ganz Besonderer.

Gespräche, die unter die Haut gehen

Seit wann glauben wir eigentlich, dass Weihnachten das Fest der ungetrübten Harmonie ist? Was ist mit den einsamen Alten, den Singles, den vergessenen Eltern, den Hinterbliebenen, den wütenden Jugendlichen, Rausgefallenen, Frustrierten, den Weihnachtshassern, den Drogenabhängigen und den ausländischen Studierenden, die sich kein Rückflugticket leisten können? Lange Gespräche waren das oft in der Nacht. Der Heiligen Nacht. Gespräche, die mir unter die Haut gingen. Über Kinder, die sich nicht gemeldet hatten. Über Streit. Über Trauer, die kein Lametta erträgt. Über Ängste, Geldsorgen und Wut. Weihnachten hat eine faule Stelle.

Worte. Mehr hatte ich als Seelsorger nicht im Angebot. Dazu meine Aufmerksamkeit, meine Wahrnehmung, mit der ich die Emotionen meines Gesprächspartners spiegeln konnte. Ich und du. Im Gespräch, anonym, die Schranken fallen schnell.

Telefonseelsorge wichtig wie selten

Jan Dieckmann © Kirche im NDR Foto: Christine Raczka
Jan Dieckmann weiß, was das Seelsorgeangebot in den Weihnachtsfeiertagen vielen Menschen bedeutet.

In dieser Advents- und Weihnachtszeit wird der Kontakt über das Telefon so wichtig sein wie selten zuvor. Noch nicht einmal die sonst üblichen Weihnachtsstuben für einsame Menschen können in diesem Jahr öffnen. Manche Kirchengemeinde hat sich vorgenommen, an den Feiertagen alle Gemeindeglieder über 75 anzurufen. In Niedersachen startet der NDR zusammen mit den Kirchen eine Seelsorge-Hotline, jetzt am 13. Dezember. Auch in der Nordkirche gibt es ab dem 25. Dezember ein verstärktes Seelsorgeangebot. Viele Diakoninnen und Diakone und Pastorinnen und Pastoren sitzen für diese besonderen Dienst stundenlang am Telefon. Sie werden im Gespräch denen einen Anker der Hoffnung zuwerfen, für die Weihnachten kein "Oh du fröhliche" ist. Bitte, ruft an!

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jeden Donnerstag vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Weitere Informationen
Eine bedrückte Frau telefoniert. © picture-alliance/ZB Foto: Marion Gröning

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 13.12.2020 | 09:40 Uhr

Ein Herz, Kreuz und Anker aus Filz an einer Öse © Jürgen Gutowski

Kreuz - Herz - Anker

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