Stand: 17.11.2019 07:40 Uhr

Kolumne: "Den Toten zuhören"

von Julia Heyde de López
Engel in der Krypta der Klosterkirche Fischbeck © Kirche im NDR Foto: Christine Raczka
Haben Tote uns etwas zu sagen und können wir etwas von ihnen lernen?

Es ist eine der stärksten Szenen im Film "Der Club der toten Dichter". Die Schüler stehen im Korridor ihres Internats und sehen sich Schwarz-Weiß-Fotografien von früheren Generationen und Schulklassen an. Ihr Lehrer, gespielt von Robin Williams, fordert sie auf, ganz dicht heranzutreten, sich die hoffnungsvollen Gesichter auf den Bildern genau anzusehen, um ihr "Vermächtnis" zu verstehen. Und dann flüstert der Lehrer: "Carpe diem. Nutzet den Tag, Jungs! Macht etwas Außergewöhnliches aus eurem Leben!"

Das Leben gestalten, jeden Tag

"Der Club der toten Dichter" - ein Klassiker. Und er stellt hier ein paar entscheidende Fragen: Kann man von Toten etwas lernen? Und hören wir überhaupt zu, was sie uns zu sagen haben? Zu verstehen, wie schnell auch meine Zeit auf dieser Erde vorbei sein wird, hilft mir bei wichtigen Überlegungen. Wie ich mein Leben gestalte, jeden Tag. Wo ich mich engagiere. An welchen Träumen ich arbeiten, welches Erbe ich hinterlassen will. Carpe diem, in der Tat. Pflücke den geschenkten Tag!

Die Toten sind uns einen Schritt voraus

Julia Heyde de López © Kirche im NDR Foto: Christine Raczka
Von den Toten können wir für die Zukunft lernen, meint Julia Heyde de López.

Doch es geht noch um mehr als nur eine sinnerfüllte, individuelle Lebensgestaltung. Am Volkstrauertag erinnern wir an die Gefallenen der Weltkriege. Wir denken an Opfer von Gewalt und Gleichgültigkeit, bringen ihnen Kränze mit Schleifen. Und auf dem Friedhof, zwischen den Kreuzen und Grabsteinen, könnte ganz sanft ihr Wispern zu vernehmen sein: "Wir liegen hier. Unser Leben grausam verkürzt durch Gewalt und Krieg. Erinnert euch, lernt von uns und hört auf zu hassen und zu morden. Verankert euch stattdessen im Frieden. Lasst Vertrauen und Liebe aufblühen und tragt diese Blumen zu den Lebenden."

Den Toten zuzuhören, so wie ich mir das vorstelle, bedeutet, für die Zukunft zu lernen. Es sind Ratgeberinnen und Ratgeber, die zwar zur Vergangenheit gehören, uns aber tatsächlich einen Schritt voraus sind.

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jeden Mittwoch vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 17.11.2019 | 07:40 Uhr

Ein Herz, Kreuz und Anker aus Filz an einer Öse © Jürgen Gutowski

Kreuz - Herz - Anker

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Regelmäßig vergeben unsere Autoren ein Kreuz für Glauben, ein Herz für Liebe oder einen Anker für Hoffnung. mehr

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