Die Turnerin Kim Bui aus Deutschland in Aktion © picture alliance/dpa Foto: Marijan Murat

Kolumne: "Ein paar Zentimeter mehr Freiheit"

Stand: 28.07.2021 17:38 Uhr

Muss es immer der knappe Turnanzug oder das Bikinihöschen sein? Profisportlerinnen verschiedener Sportarten fordern, sexistische Kleidervorschriften zu ändern. Ihr Protest findet weltweit Unterstützung.

von Julia Heyde de López

Er ist kein Volkssport, geschweige denn olympisch, aber Beachhandball macht im Augenblick richtig Schlagzeilen. Das Nationalteam der Beachhandball-Spielerinnen aus Norwegen bekam vor kurzem bei einem Turnier eine Strafe von 1500 Euro aufgebrummt - wegen "unangemessener Kleidung". Man sollte meinen, die Norwegerinnen seien im Skidress zu ihrem Match erschienen. Doch ihr Vergehen war: Sie trugen kurze Radlerhosen anstatt der vorgeschriebenen knappen Bikinihöschen.

Auch die deutschen Kunstturnerinnen setzen in diesen Tagen in Tokio mit der Wahl ihrer Kleidung ein Zeichen. Sie tragen statt der üblichen Turnanzüge mit hohem Beinausschnitt enganliegende, elegante Ganzkörperanzüge. Das ist erlaubt, aber trotzdem so ungewöhnlich und mutig, dass sogar die Washington Post und die amerikanische Vogue darüber berichteten. Die Turnerinnen sagen, so fühlen sie sich wohler. Denn immer wieder haben sie erlebt, dass die Grenze zwischen Ästhetik und Sexualisierung in ihrem Sport überschritten wurde.

Mein Körper ist mein Zuhause

Vollste Solidarität mit diesen jungen Athletinnen! Ich kann das gut nachvollziehen - dabei habe ich so einen knappen und, seien wir ehrlich, ständig kneifenden Turnanzug seit der Grundschule nicht mehr tragen müssen. Und diese Frauen sollen sportliche Höchstleistungen erbringen, während die halbe Welt ihnen in den Schritt schielt.

Julia Heyde de López © Kirche im NDR Foto: Christine Raczka
Zu sich selbst zu stehen - in der Ganzheit von Körper, Geist und Seele -, das ist eine Freiheit, zu der auch der Himmel ermutigt, sagt Kirchenredakteurin Julia Heyde de López.

Wenn manche Profisportlerinnen nun also etwas längere Hosen tragen, geht es nicht nur um ein paar Zentimeter mehr Stoff. Sondern es steckt darin ein großes Stück Freiheit. Die Freiheit, selbst zu entscheiden. Laut und ehrlich zu sagen: Mein Körper ist mein Zuhause. So fühle ich mich wohl - und so nicht. In dieser Weise zu sich selbst zu stehen - in der Ganzheit von Körper, Geist und Seele -, das ist eine Freiheit, zu der auch der Himmel ermutigt. Ich hoffe, dass diese Botschaft nachwirken wird, auch über den Sport hinaus. Denn immer noch müssen Frauen weltweit dagegen kämpfen, dass Andere über sie und ihre Körper bestimmen wollen. Häufig geschieht das durch diskriminierende, sexistische Kleidervorschriften.

Und was die Geldstrafe für die Beachhandballerinnen angeht: die amerikanische Sängerin Pink hat angeboten, dafür aufzukommen. Sie sei stolz auf das norwegische Frauenteam und den Protest. "Gut gemacht, meine Damen", schrieb sie auf Twitter. "Weiter so!"

Kreuz, Herz oder Anker? So heißt die Kolumne der Kirche im NDR. Jeden Donnerstag vergeben die Radiopastoren und Redakteure ein Kreuz für Glauben, ein Herz für die Liebe oder einen Anker für das, was hoffen lässt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 01.08.2021 | 07:30 Uhr

Ein Herz, Kreuz und Anker aus Filz an einer Öse © Jürgen Gutowski

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