Sendedatum: 25.01.2020 07:40 Uhr

Jeremias: "Ich kann springen, durch Gottes Hilfe"

Seit dem 31. Oktober ist Tilmann Jeremias offiziell als neuer Bischof der evangelischen Kirche in Mecklenburg-Vorpommern im Amt. Sein Dienstsitz ist Greifswald, zuvor war er Pastor in Rostock. Obwohl in Bayern aufgewachsen, lebt Jeremias bereits seit 25 Jahren an der Ostseeküste - und kann sich eine Rückkehr in den Süden nicht mehr vorstellen. Im Interview mit der Kirche im NDR spricht Tilman Jeremias über seinen Lieblingsbibelvers - zumindest ist er das für dieses Jahr: "Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen" aus Psalm 18. Es geht darum, wie sich mit Gottes Hilfe Hindernisse überwinden lassen.

Was ist der Kern dieses Verses für Sie mit Ihren eigenen Worten?

Tilmann Jeremias © Nordkirche
Gott hilft Tilmann Jeremias dabei, Hindernisse zu überwinden.

Tilman Jeremias: Also Mauer heißt erst einmal für mich, da ist ein Hindernis, das ich nicht überwinden kann. Gott hilft mir, da drüber zu kommen. Das heißt, Hindernisse, die mir im Weg stehen, oder auch zu anderen Menschen zu kommen, werden durch Gottes Hilfe kleiner.

Sie haben gesagt, dieser Vers spielt dieses Jahr eine besondere Rolle.

Jeremias: Ja, das hat damit zu tun, dass wir jetzt 30 Jahre Mauerfall ausführlich besprochen haben und, dass eine unmenschliche Mauer überwindbar oder durchlässig geworden ist, für alle wie ein Wunder ... Da wo eine starre Grenze war, konnten Menschen zueinanderkommen.

Aber die Mauer ist jetzt ja nicht da. Dann könnte man jetzt ja sagen: "Mit Dir, Gott, gehe ich durch freies Land." Oder erleben Sie das so, dass da durchaus noch was da ist, was man überwinden muss?

Jeremias: Doch, das erlebe ich immer wieder. Es sind nicht nur sichtbare, sondern auch unsichtbare Mauern. Ich erlebe das zum Beispiel im Miteinander der Generationen, Menschen kommen kaum mehr zueinander. Ich erlebe das im politischen und gesellschaftlichen Raum. Wir ziehen viel mehr im Netz übereinander her, als dass wir uns zusammensetzen und miteinander reden. Da sind Mauern zwischen Menschen, die mir Sorgen machen, weil Menschen wie Muslime zu Sündenböcken gemacht werden. Wir grenzen sie aus, anstatt mit ihnen zu sprechen.

Was sind die Ursachen für solche Mauern?

Jeremias: Mauern haben was mit Enge zu tun - und Enge hat mit Angst zu tun. Ich glaube, ich muss mich einmauern und meine, mich schützen zu müssen, wenn ich Angst vor anderen Menschen und Entwicklungen habe. Dann ziehe ich Mauern hoch und mache die Situation aber noch schlimmer.

Würde das dann umgekehrt bedeuten, dass ich, um Mauern zu überwinden, trösten muss und Angst nehmen muss?

Jeremias: Ich fand das spannend, was "Die Zeit" gemacht hat. Sie hat Menschen zusammengebracht, die völlig unterschiedlicher politischer Meinung waren. Sie waren zwei Stunden zusammen. Paare, die sich vorher nicht kannten, haben sich fast durchweg gegenseitig sympathisch gefunden - auch wenn sie unterschiedlicher Auffassung waren. Und nur so geht es, wir müssen uns treffen und miteinander sprechen.

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Ich spiele jetzt mal ein bisschen … was würden Sie sagen, aus welcher Substanz sind die Mauern? Was ist das für ein Material?

Jeremias: Also, ich finde, das hat schon viel mit Beton im Kopf zu tun. Wenn wir, ich sage mal gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit erleben, dann ist das eine sehr feste Mauer, die nicht durch ein bisschen Bildungsarbeit ganz schnell zu beseitigen ist. Und wo Hass im Spiel ist - das sind schon sehr dicke Mauern, die man da überwinden muss.

Und was für Fähigkeiten braucht man, wenn man das wirklich ganz wörtlich nimmt, um Sprungkraft zu entwickeln?

Jeremias: Das finde ich eben auch das schöne Bild in dem Psalm. Ich kann springen, durch Gottes Hilfe. Das heißt, ich kann auch über meinen eigenen Schatten springen. Also ich öffne mich selbst. Das braucht man unbedingt, um diese Mauern klein zu kriegen. Ich kriege plötzlich Mut, mit Menschen in Kontakt zu gehen, die mir eigentlich sonst ganz fern waren. Da sehe ich auch eine Aufgabe von uns als Kirche. Indem wir sagen, wir schaffen diese Räume, dass Menschen sich begegnen und offen und ehrlich miteinander reden können.

Warum helfen da Religion und Glaube, dass wir in Kontakt treten können, um uns das zu trauen?

Jeremias: Ich glaube, dass Gott ein Gott aller Menschen ist - und sie sehr verschieden geschaffen hat, mit guter Absicht. Unser Auftrag ist, miteinander leben und nicht gegeneinander zu leben und füreinander da zu sein. Religion, das Christentum, die christliche Kirche schafft Räume, lädt Menschen ein, geht auf Menschen zu, damit sie einander begegnen und sich gegenseitig stärken können.

Das Interview führte Pastorin Susanne Richter. (Redaktion: NDR)

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Im Anfang war das Wort. Die Bibel | 25.01.2020 | 07:40 Uhr

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