Stand: 11.03.2020 10:40 Uhr

Abdollahi: "Das Schicksal muss man annehmen"

Michel Abdollahi, geboren in Teheran im Iran, ist Fernsehjournalist, Moderator, Poetryslamer, bildender Künstler und Autor. Und wie er sagt: "trotzdem ein Hamburger Jung". Doch auch in Deutschland bekommen Menschen mit Migrationshintergrund oft offenen Rassismus zu spüren. Was können wir dagegen tun? Darum geht es in seinem neuen Buch "Deutschland schafft mich". Politische Entschiedenheit, Scharfsinn und Humor helfen äußerlich. Mit der Kirche im NDR spricht er darüber, was ihm innerlich Halt gibt. Dazu gehört ein Vers aus dem Buch Hiob: "Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen?"

Sind Sie tatsächlich Ihrem Schicksal gegenüber so ergeben?

Der Autor und Moderator Michel Abdollahi © Christine Liebold Foto: Christine Liebold
Man muss das Schicksal annehmen. Ich glaube, das führt zu irgendeiner Form von Seelenfrieden, sagt Michel Abdollahi.

Michel Abdollahi: Tatsächlich ... ich glaube, das ist die einzige Möglichkeit, um durch diese Welt durch zu kommen.

Was war das Böse, das Ihnen begegnet ist?

Abdollahi: Wenn man gute Zeiten hat, hat man auch mal schlechte Zeiten, man muss mit beidem klarkommen. Es geht nicht, dass man immer sagt, ... ich möchte nur das Gute haben.

Und was war das für eine Situation? Geben Sie mal ein Beispiel.

Abdollahi: Ich kann eine Sendung moderiert haben und dann schreibt die Presse einmal ganz toll und dann einmal ganz schlecht darüber. Und da muss ich irgendwie mit umgehen, um zu sagen, ... die Schlechten, die haben gar keine Ahnung wie toll ich bin. Ich habe gesagt, wenn ich die positive Kritik annehme, dann muss ich auch mit negativer Kritik … leben.

In welcher Situation ist Ihnen dann der Hiob-Vers aufgefallen?

Abdollahi: Ich habe den vor vielen Jahren mal gelesen ... ich fand diese ganze Geschichte dahinter so toll, dass ich beschlossen habe, mir quasi schon mal präventiv darüber Gedanken zu machen. Das war gar nicht eine Sache, die konkret passiert ist, sondern eher eine präventive Lebenseinstellung.

Aber Hiob erlebt alles Schreckliche, was man sich vorstellen kann. Seine Familie wird umgebracht, er selbst schwer krank. Glauben Sie, Sie hätten auch die Kraft dazu, mit solch schweren Schicksalsschlägen so ergeben umzugehen?

Abdollahi: Ich sage ja präventiv, deswegen ist das - glaube ich - eine ganz gute Vorbereitung. Ich weiß es nicht. Ich weiß letztendlich nicht, wie es ist, wenn ich morgen eine schlimme Krankheit diagnostiziert bekomme und dann damit umgehen muss. Aber wenn man so etwas im Hinterkopf hat, glaube ich, dass man eine andere Kraft hat, um damit umzugehen. Ich weiß, es gibt Menschen, denen widerfährt Schlimmes. Sie bekommen eine Krankheit und es heißt, sie werden bald sterben und dann fangen die an, sich neu zu orientieren. Viele sagen ..., es wäre die beste Zeit meines Lebens, weil ich mich auf mich selbst konzentrieren konnte, weil ich wusste, was passiert, weil ich umgedacht habe. 

Kurz nach Ihrem Lieblings-Vers kommt dann die Stelle, wo Hiob gegen sein Schicksal rebelliert. Und den Tag verflucht, wo er geboren wurde. Haben Sie noch keine Situation erlebt, wo Sie mit Ihrem Schicksal gehadert haben?

Abdollahi: Wissen Sie, ich bin ein sehr gläubiger Mensch. Das bin ich aber nur für mich selbst, ich habe meinen Glauben nie nach außen getragen. Und deswegen finde ich Glauben auch was Schönes, weil er mir so viel Kraft gibt. Ich mag diese Einstellung dann nicht. Ich kann rebellieren, natürlich habe ich auch mal schlechte Tage wo ich sage, was soll das alles, aber nicht so elementar, wie das Hiob gemacht hat.

Der Autor und Moderator Michel Abdollahi sitzt mit Radiopastorin Susanne Richter auf einer Treppe. © Christine Liebold Foto: Christine Liebold
Er habe seinen Glauben nie nach außen getragen, erzählt Michel Abdollahi.

Also ich habe solche Momente, natürlich sind die da, aber die geben mir dann nichts. Was soll ich machen? ... Ich habe diese Erkenntnis noch nicht. Ich habe mich gerade mit einem Professor, der sich mit dem Thema Alter auseinandersetzt, auf einem Friedhof in Graz unterhalten. Er hat gesagt, dass man Schicksalsschläge in seinem Leben braucht. Man braucht Dinge, wo man denkt man kommt nicht wieder raus und wenn man es schafft da raus zu kommen, das macht den Menschen letztendlich aus.

Sie haben selbst kein Drama erlebt, aber wo ist Gott im Leid, wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken, zum Beispiel. Da kann man nicht sagen, jeder braucht etwas Schlimmes - da ist doch die Frage, wo ist der gerechte Gott?

Abdollahi: Aber ich kann mich nicht in die Göttlichkeit einmischen. Wenn Gott das so machen möchte, dann macht er das so. Wie soll ich das bewerten? Natürlich ist das furchtbar, wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken und ich kann mit den Möglichkeiten, die ich habe, versuchen, zu verhindern, dass das passiert. Es gibt Kollegen von mir, die für "Sea-Watch" spenden ... wir können als Mensch ganz viel Einfluss nehmen darauf, aber irgendwann können wir das nicht mehr. Die Iraner haben das Wort "Resmat", das Kismet, das man hier kennt, das Schicksal. Das muss man annehmen. Ich glaube, das führt zu irgendeiner Form von Seelenfrieden ...

Wir nehmen Gutes und wir nehmen Schlechtes aus Gottes Hand. Das ist die Kernbotschaft. Was für eine Rolle spielt dabei ein persönlicher Glaube oder welche Rolle kann dabei ein Gebet spielen?

Abdollahi: Ich glaube, das Gebet ist immer ein Ventil. Das ist etwas sehr, sehr intimes was ich zwischen mir und Gott habe. Ich glaube, das hilft, aber jeder muss selbst herausfinden, was hilft, wie man selber im Leben weiterkommen kann. Dafür muss man nicht gläubig sein, dafür muss man nicht religiös sein. Dafür muss man nicht beten. Aber ich glaube, wir müssen mit beidem umgehen lernen - mit Gutem und mit Schlechtem. Das ist wichtig, weil es in unserer Gesellschaft doch zunehmend verloren geht.

Das Interview führte Susanne Richter. Redaktion: NDR

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Im Anfang war das Wort. Die Bibel | 14.03.2020 | 07:45 Uhr

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