Sendedatum: 06.08.2020 19:05 Uhr

Eingeschriebene Namen in Gottes Buch des Lebens

von Pastorin Margrit Wegner
Ein vergilbtes Telegramm und eine Rechnung über eine Beerdigung
Eine Rechnung und ein vergilbtes Telegramm erinnern an einen Verstorbenen.

Alles, was von ihm geblieben ist, sind Rechnungen seiner Beerdigung. Seine Stiefmutter hat sie Zeit ihres Lebens aufbewahrt. Nun halte ich sie in der Hand. Vor 70 Jahren starb Hans, der große Bruder meines Großvaters. "1 Sarg 95 DM, 1 Hemd und Kissen 15 DM". Vier Mark und 50 Pfennig hat der Pastor für die Fahrt zum Friedhof berechnet. Ganz oben in dem vergilbten Umschlag liegt das Telegramm: "Sohn Hans in Osterlindern gestorben."

Keine Briefe und Fotos des Verstorbenen

Lindern in Niedersachsen, das muss damals unerreichbar fern gewesen sein vom Wohnort der Familie mitten in Schleswig-Holstein. Wie Hans dorthin gekommen ist, weiß niemand. Es gibt keine Briefe und kein einziges Foto. Alles, woran ältere Verwandte sich erinnern, ist seine düstere Schwermut. Sie jagte Angst ein bei seltenen Besuchen. Hans hat im Ersten Weltkrieg gekämpft und ist daran irre geworden. Er muss eben 18, 19 Jahre alt gewesen sein, als er mit dem Bajonett auf gleichaltrige Gegner losgehen sollte.

Gab es ein Mädchen, von dem er träumte? Hoffte er auf eine Zukunft als Kaufmann nach dem Krieg? Hätte er gerne Kinder gehabt? Niemand weiß es. Da ist nur die dunkle Erinnerung: Nach dem grauenhaften Morden des Krieges kam er im Leben nicht mehr zurecht. Es war vermutlich eine Heil- und Pflegeanstalt, in der er dann lebte und starb. Dort wurde er begraben.

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Gott vergisst keinen Menschen

Was von Hans bleibt, sind nur die vergilbten Belege. "3 Kränze zu 3,50 DM" und "Kaffee für 13 Mann, 3 Weinbrand, 3 Bier". Seine Geschichte macht mich traurig. Sein junges Leben - zerstört durch den Wahnsinn des Krieges. Ich will mich an ihn erinnern, auch wenn ich ihn nicht persönlich kannte. So wie an die Millionen Toten und irre gewordenen der Kriege, von denen Hans nur einer ist.

Und ich will daran glauben, dass er bei Gott unvergessen bleibt, dass sein Name eingeschrieben ist in Gottes Buch des Lebens. So wie es in der Bibel an einer Stelle heißt: "Kann auch eine Frau ihr Kindlein vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen."(Jesaja 49, 15)     

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 06.08.2020 | 19:05 Uhr

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