Bischöfin Kirsten Fehrs sieht in die Kamera. © Nordkirche

Der ungeduldige Advent hält die Hoffnung wach

Sendedatum: 08.12.2021 09:40 Uhr

Advent gilt als eine Zeit der Einkehr und des Wartens. Ein Warten, das noch nicht fertig ist mit der Welt. Und das sich nicht vertrösten lässt, erläutert Bischöfin Kirsten Fehrs.

von Bischöfin Kirsten Fehrs

Mich begleitet in diesen unsicheren Adventstagen ein ganz altes Adventslied: "O Heiland, reiß die Himmel auf! Herab, herab vom Himmel lauf!" Friedrich Spee hat es gedichtet - vor 399 Jahren. Die Sprache ist alt, doch sie trifft die aktuelle Stimmung genau, finde ich: "Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt?", fragt der Dichter, der im Dreißigjährigen Krieg gelebt hat. Der vor der Pest fliehen musste und letztendlich an ihr starb. Der als Widerstandskämpfer gegen die Hexenverfolgung selbst zum Verfolgten wurde. 

"Komm runter aus deinem Himmel, du Heiland, und tu endlich was", sagt er. Jetzt! Nicht morgen. Weil es wirklich genug ist mit Schmerz und Leid. Drängend ist das Lied: Vom Aufreißen und Abreißen ist da die Rede, stürmisch, kraftvoll. Ungeduldig eben. Da öffnet sich der Vorhang nicht für ein niedliches Weihnachtsmärchen. Da reißt etwas entzwei, mit gewaltiger Energie: "Reiß ab vom Himmel Tor und Tür." Gott soll runterkommen und sich kümmern, heißt das! Damit diese Welt anders wird. Friedlicher. Lichter. Es ist allerhöchste Zeit. Wo bleibst du?

Der Advent hat auch etwas Forderndes

Advent ist, so zeigt es dieses alte Adventslied, eben nicht nur eine Zeit der Besinnlichkeit und Einkehr. Advent ist auch ungeduldiges, vielleicht sogar wütendes Warten. Ein Warten, das noch nicht fertig ist mit der Welt. Und das sich nicht vertrösten lässt. Denn ja, Advent heißt Erwartung, die auch etwas leidenschaftlich Forderndes hat. Es ist mir eben nicht egal, was Mensch und Schöpfung derzeit erleiden! Deshalb: Komm! Ich erwarte von dir Gott, dass du uns jetzt nicht allein lässt!

Ich bin froh, dass der Advent auch solche Töne kennt. Weil die Ungeduld sonst von innen nagt. Wir verändern uns zum Merkwürdigen, wenn sich nichts ändert. Man kann hart werden und unzugänglich. Dann bleibt vielleicht von der lebenshungrigen Ungeduld nur noch egoistischer Trotz übrig. Der ungeduldige Advent aber hält die Hoffnung wach. Denn auch in Pandemie grauen Adventswochen ist und bleibt klar: Der Weihnachtsengel wird kommen und sein "Fürchtet euch nicht!" singen. Unbeirrbar. Gerade jetzt. Und das ist doch eine wirklich beruhigende Aussicht.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 08.12.2021 | 09:40 Uhr

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