Stand: 13.12.2018 14:15 Uhr

Das Kirchenlexikon - Verschwundene Geschenke

von Oliver Vorwald

"Wo sind eigentlich Gold, Weihrauch und Myrrhe abgeblieben, die das Jesuskind an Weihnachten geschenkt bekommen hat? In der Bibel habe ich dazu nichts gefunden."

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Gold, Weihrauch und Myrrhe waren kostbare Gaben.

Der Kölner Dom. Seine himmelhohen Doppeltürme thronen majestätisch über der Stadt. Drinnen empfängt mich ein vielstimmiges Flüstern. Täglich besichtigen mehr als 20.000 Menschen die gotische Kathedrale, wollen den Dreikönigschrein sehen. In dem prachtvoll verzierten Sarkophag befinden sich die Gebeine der weisen Männer, die dem neugeborenen Jesuskind einst die ersten Weihnachtsgeschenke mitgebracht haben sollen. Fast alle Besucher kennen sie, als ich danach frage: Gold, Weihrauch und Myrrhe?

Geschenke mit symbolischer Funktion

Gold, Weihrauch, Myrrhe - zur Zeit Jesu wahrhaft fürstliche Gaben, selten, kostbar. Deshalb sieht die junge Christenheit in den Weisen aus dem Morgenland verkleidete Könige. Jedes ihrer Präsente hat eine symbolische Funktion: Das Gold deutet auf die Königsherrschaft Christi hin, der Weihrauch auf seine Göttlichkeit. Myrrhe hingegen wird als Hinweis auf den Kreuzestod verstanden. Das Baumharz bildet in der Antike die Grundlage für Arzneien und für ein Öl, mit welcher der Leichnam einbalsamiert wird. Was dann tatsächlich mit Gold, Weihrauch und Myrrhe geschieht, dazu schweigt die Bibel. Die königlichen Weihnachtsgeschenke stehen eben nicht im Fokus der Evangelien - genau wie die weit gereisten Gabenbringer. Am Dreikönigsschrein im Kölner Dom habe ich die Besucher um eine Vermutung gebeten.

"Ist verschwunden. Sie wissen bis heute noch nicht genau, wo das ist. Ganz besonders das Gold. Wahrscheinlich haben die davon einen Esel gekauft, sich was zum Anziehen; keine Ahnung."

Luther verstand Gaben als Appell

So ähnlich haben sich auch die Menschen des Mittelalters den Verbleib erklärt, lässt sich bei den Gelehrten Thomas und Erasmus nachlesen: Das Gold soll die Armut der Familie Jesu lindern, der Weihrauch ist gegen den Gestank im Stall und die Myrrhe Medizin für die ersten Wehwehchen des Krippenkindes. So ist auch klar, weshalb später nichts mehr übrig ist. Martin Luther wiederum hat noch eine andere Idee. Er versteht die königlichen Geschenke als einen Appell. Jeder Gläubige soll dem Christkind drei wertvolle Gaben bringen: Nämlich Glaube, Hoffnung, Liebe.

Mehr aus dieser Sendereihe lesen Sie in: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 15.12.2018 | 09:15 Uhr

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