Stand: 25.10.2018 09:00 Uhr

Gotteshäuser sagen die Zeit an

von Oliver Vorwald

"Zeitumstellung. Auch die Kirchen sind betroffen. Aber nicht in allen Gotteshäusern gibt es eine Turmuhr. Warum?"

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Mechanische Uhren entstanden in Europa um 1300.

Der Teufel ist los an der Seine. Jedenfalls glauben das die braven Bürger von Paris an einem Sommertag im Jahr 1370 vor dem Stadtpalast an der Ile de la Cité. Denn zum Mittag schallt es Zwölf vom Eckturm, aber oben ist niemand zu sehen, der die Stundenglocke anschlägt. Doch hinter der Zeitansage steckt kein Hexenwerk, vielmehr ein deutscher Uhrmacher. Er hat im Auftrag des französischen Königs eine Schlaguhr mit Räderwerk im Tour de l’Horloge eingebaut. Es handelt sich um junge, innovative Technik. Ihr Siegeszug beginnt um 1300. Darauf deuten Verse in der Göttlichen Komödie, die zu Beginn des 14. Jahrhunderts verfasst wird.

"Wie, wohlgefügt, der Uhren Räder thun. In voller Eil' zu fliegen scheint das letzte. Das erste scheint, wenn man’s beschaut, zu ruhn."

Zeit und Technik faszinieren

Die allerersten Räder-Uhrwerke der Geschichte brauchen Platz und haben natürlich ihren Preis. Nur reiche Städte, Kirchen, Fürsten können sich die leisten. Das bleibt über viele Jahrhunderte so. Da aber jedermann die Zeit wissen will und soll, wird die junge Spitzentechnik in zentralen Bauwerken an öffentlichen Plätzen installiert. Das sind oftmals die Kirchen. Die ersten Turmuhren haben zu Beginn nur ein Schlagwerk. Ziffernblatt, Stundenzeiger kommen später hinzu. Der Minutenzeiger wird sogar erst im 17., 18. Jahrhundert üblich, als die Technik immer ausgereifter wird.

Von der Präzision und dem Potential ineinandergreifender Zahnräder sind die Menschen damals begeistert: Damit lässt sich scheinbar alles steuern. Einige glauben, dass hinter dem Weltgeschehen ebenfalls eine gewaltige Mechanik tickt. Goethe nimmt das im Faust-Epos auf. Hier wird der Lauf der Sonne von einem gigantischen Uhrwerk gesteuert.

"Horchet! Horcht dem Sturm der Horen! Tönend wird für Geistesohren schon der neue Tag geboren. Felsentore knarren rasselnd, Phöbus' Räder rollen prasselnd. Welch Getöse bringt das Licht."

Gotteshäuser als Orte der Zeitansage

Nicht alle Kirchen besitzen eine Turmuhr. Heute ist das auch nicht mehr erforderlich. Am Handgelenk, auf dem Handy - was die Stunde schlägt, ist überall zu sehen und zu hören. Trotzdem bleiben Gotteshäuser Orte der Zeitansage. Alles hat seine Zeit. Lieben, Leiden, Loben. Lauf und Länge dieser Momente liegen in Gottes Hand, sagt die Bibel. Er ist der Herr der Zeit.

Mehr aus dieser Sendereihe lesen Sie in: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 27.10.2018 | 09:15 Uhr

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