Stand: 17.05.2018 13:15 Uhr  | Archiv

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von Oliver Vorwald

"Pfingsten, da spielen sie wieder. Die Posaunenchöre. Ich habe gehört, die seien 'typisch evangelisch'. Stimmt das?"

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In der evangelischen Kirche weit verbreitet: Chöre mit Posaunen.

Draußen leuchtet alles gritzegrün, jetzt ist ihre Zeit. Sie stehen unter Buchen und Linden, blähen die Wangen, spielen Choräle. Feiern die Gemeinden Pfingsten im Freien, dann dürfen sie nicht fehlen. Die Frauen und Männer mit Horn, Trompete und Helikon. Posaunenchöre sind so etwas wie "All-Wetter-Orgeln". Und es stimmt tatsächlich. In der Evangelischen Kirche bilden sie eine feste Größe. In den katholischen Gemeinden sind Posaunenchöre weit weniger verbreitet.

Bauern und Bürger greifen zur Posaune

Posaunenchöre bilden in der Evangelischen Kirche eine der größten ehrenamtlichen Formationen. Zwischen Alpen und Nordsee gibt es etwa 7.000 Gruppen mit rund 100.000 Bläserinnen und Bläsern. Dass die Blechblasmusik gerade im Protestantismus beheimatet ist, hat etwas mit der Geschichte dieser Laien-Bewegung zu tun. Sie beginnt innerhalb der Evangelischen Kirche und startet vor gut 300 Jahren. Damals macht der Instrumentenbau Fortschritte. Die Ventiltechnik verbessert sich. Horn oder Posaune zu erlernen, wird einfacher.

Die Herrnhuter Brüdergemeinde - ein Verband frommer evangelischer Gemeinden - begreift dies als Chance. Hier entstehen zu Beginn des 18. Jahrhunderts die ersten Posaunenchöre. Es sind Bauern und Bürger, keine Profimusiker, die hier zusammenspielen - auf Zeltfesten, Trauerfeiern, Open-Air-Gottesdiensten.

Säule der evangelischen Kirchenmusik

Am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert werden die Posaunenchöre zu einem protestantischen Phänomen. Und das hat mit Pfarrer Johannes Kuhlo zu tun, dem sogenannten Posaunengeneral. Zur Wahrheit über ihn gehört aber auch, dass er in seinen letzten Jahren ein großer Verehrer von Adolf Hitler wird. Kuhlo ist als junger Mann ein leidenschaftlicher Hornist, er schreibt Handbücher für Bläsergruppen, lässt angehende Diakone ein Blechblasinstrument lernen. So kommt die Idee der Posaunenchöre in immer mehr Gemeinden, verbreitet sich. Ihr Motto finden die Posaunenchöre in Psalm 150. Der Text fordert zum Gotteslob auf - mit Harfen, Pauken und Posaunen.

Heute bilden Posaunenchöre eine wichtige Säule der evangelischen Kirchenmusik. Wohl deshalb gehören sie auch zum deutschen UNESCO Kulturerbe.

Mehr aus dieser Sendereihe lesen Sie in: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 19.05.2018 | 09:15 Uhr

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