Sendedatum: 22.06.2019 09:20 Uhr

Luther provoziert im Leipziger Gelehrtenstreit

von Oliver Vorwald

"500 Jahre Leipziger Disputation. Klingt staubtrocken. Was ist denn damals so Sensationelles geschehen?"

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Reformator Martin Luther setzte bei der Leipziger Disputation neue Maßstäbe.

Ihm schmeckt das Bier nicht. "Ungenießbar", schreibt Johannes Eck an seine Freunde in Ingolstadt. Das Schwergewicht der römischen Kirche wartet seit dem den 22. Juni 1519 in Leipzig auf seine Kontrahenten. Andreas Karlstadt und Martin Luther treffen wenige Tage später ein. Auf Wagen eskortiert von 200 Studenten. Wie sie fiebert ganz Deutschland der Leipziger Disputation entgegen. Ein Gelehrtenstreit der Königsklasse. Und Luther strotzt nur so vor Selbstbewusstsein: "Wens aber disputirens gildt, kum einer in der schul zu mir! Ich wils im scharff genug machen vnd im antworten, er machs wie krauß er will."

Martin Luther fordert Katholiken heraus

Flugblätter sorgen für Aufruhr in Leipzig, abends marodieren Wittenberger Studenten als Schlachtenbummler durch Gassen und Wirtshäuser. Disputiert wird auf der Pleißenburg. Trompeter eröffnen den Wettstreit. Karlstadt beginnt, später tritt Luther ans Katheder. Eck erkennt das hitzige Temperament. Der Reformator lässt sich locken und sagt: Auch Papst und Konzil können irren. Brandgefährlich. Einige Zuhörer springen auf, Eck lässt das Wort "Ketzerei" fallen. Ein klares Foul.

Ketzerische Diskussion

Jede Disputation folgt einem Reglement, vertraglich vereinbart. Die Kontrahenten müssen auf Latein streiten, niemand darf dem anderen Ketzerei unterstellen, alles wird protokolliert. Luther beginnt, dann bekommt Eck das Wort. Der dominiert den Gesprächsverlauf, wird von vielen als Sieger gesehen. Dennoch verbucht die evangelische Seite die Leipziger Disputation ebenfalls als Erfolg. Denn Luther stellt öffentlich die römischen Autoritäten in Frage, setzt die Bibel dagegen. Und dann wäre da noch sein Schlusswort am 7. Juli 1519. Luther wechselt regelwidrig ins Deutsche, vermerkt ein Protokollant. Sinngemäß sagt er: "Ich gerate, nachdem mir Herr Doktor Eck ... immer wieder gehässige Ketzerei unterstellt hat, in Verruf. … Ich wollte zeigen, dass die Meinung eines Privatmannes mehr gelte als der römische Papst, das Konzil und die Kirche, wenn er sich stütze auf besseres Zeugnis oder besseres Argument."

Luthers Sätze auf Deutsch waren wegweisend

Diese wenigen Sätze auf Deutsch finden ein enormes Echo. Sie markieren etwas Neues: Sie erlauben allen Menschen, in Glaubensdingen zu urteilen. Ob Johannes Eck die epochale Dimension der Leipziger Disputation erkennt, ist nicht überliefert. Sein Brief an die Freunde daheim endet mit den Worten: "Hier sind viele liebenswerte Frauen. ... Zweifelt nicht an unserem Sieg; wenn nur keine ungerechten Schiedsrichter auftauchen! Lebt wohl!"

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 22.06.2019 | 09:20 Uhr