Sendedatum: 04.07.2020 09:20 Uhr

Austritte sorgen für Katerstimmung bei Kirchen

von Oliver Vorwald

"Katerstimmung in den Kirchen. Die Mitgliederzahlen gehen weiter zurück. Was nun?"

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Mitgliederschwund in den Kirchen: Auch in Norddeutschland gab es 2019 viele Austritte.

Wir sind dann mal weg, heißt es jedes Jahr im Sommer. Keine wirklich brandneue Nachricht aus den christlichen Gemeinden, finde ich. Aber in der vergangenen Woche hat die wieder einmal für Medienrummel gesorgt. Zwar gehören immer noch 4,5 der fast acht Millionen Niedersachsen einer der großen Kirchen an, aber die Zahl der Austritte hat 2019 einen Spitzenwert erreicht: rund 55.000 Mitglieder weniger. Und wir versuchen zu erklären, woran das liegen könnte. Durchaus selbstkritisch, so wie der hannoversche Landesbischof Ralf Meister: Nach wie vor spiele eine Rolle, dass Menschen Kirchensteuern zahlen und kritisch schauen, was bekomme ich eigentlich für das Geld. Also das Misstrauen habe das tiefe Vertrauen an einigen Stellen auch markant berührt.

Das Gesicht der Kirche ändert sich

"Die Kirchen sind gefordert, wollen sie in den nächsten Jahren noch Land sehen", sie müssen eine "neue Sprache finden", Skandale aufarbeiten, mehr "Seelsorge und Sinnangebote" anbieten und sie sollten das eigene Licht nicht unter den Scheffel stellen. So lauten einige Ratschläge aus gut gemeinten Kommentaren. Aber vieles davon findet längst statt. Da sind engagierte Gemeinden, junge Pastorinnen und Pfarrer, unverbrauchte Gesichter, die ganz anderes reden, kreative Angebote machen in Kirchen, in Cafés, im Netz.

EKD-Synode will über Reformen beraten

Nah bei den Menschen sein, ihren Freuden und Sorgen, darum geht's. Aber wird das die Austritte aus der Institution aufhalten? Ich glaube, neben allem Engagement sind wir in den Kirchen gut beraten, uns von der bedrückenden Macht dieser Zahlen zu befreien. Natürlich müssen sie in die Zukunftsplanung einfließen, sie sind ein Denkzettel, aber kein Jahreszeugnis. Die Austritte drücken eine gewachsene Distanz aus, Unzufriedensein. Dennoch bleibt geistliche Kompetenz gefragt: Segen, selbstloses Eintreten für die Schwachen, liebevoll gestaltete Feiern, Nächstenliebe, Seelsorge.

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Der Medienrummel um die Austrittszahlen ist heute schon wieder Schnee von gestern. Fernsehen, Zeitungen vergessen schnell. Dafür signalisiert die Evangelische Kirche in Deutschland: Wir haben verstanden. Sie spricht von einer Glaubenskrise. Im November soll in der EKD-Synode über tiefgreifende Reformen diskutiert werden. Sparmaßnahmen, Abbau von Doppelstrukturen, neue Angebote, vielleicht auch eine "Kirchensteuer light" für Berufsanfänger. Das klingt hoffnungsvoll, finde ich. Denn einer Gesellschaft ohne Kirchen würde etwas fehlen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 04.07.2020 | 09:20 Uhr