Stand: 01.05.2020 10:58 Uhr

Das Kirchenlexikon - Kindheitsgeschichten Jesu

von Pastor Oliver Vorwald

"Was wissen wir über Jesus als Kind? Der Messias war ja auch mal klein. Hat er vielleicht auch Streiche gespielt, für Mutter Maria Blumen gepflückt ...?"

Kinderdarsteller bei den Passionsspielen in Oberammergau 1922 © picture alliance / Heritage-Images Foto: The Print Collector/ Heritage-Images / Henry Traut
Kindheitsgeschichten von Jesus stehen im Thomas-Evangelium.

Maikäfer fürs Bett der kleinen Schwester, ein Ständchen für Mama Maria, Steine-Flitschen mit Papa Joseph am See Genezareth. Von all dem erzählen die Evangelien nichts. Lukas und Matthäus schildern die Geburt Jesu und eine Episode aus seiner Jugend, das ist alles. Mehr zu wissen, verspricht das sogenannte Kindheits-Evangelium des Thomas, eine außerbiblische Schrift, 19 Kapitel stark. Die erste Episode spielt an einem Bach. Dort formt der fünfjährige Jesus aus Lehm kleine Vögel.

Jesus aber klatschte in seine Hände und rief den Sperlingen zu und sagte ihnen: ‚Auf! Davon!’ Und die Sperlinge schlugen mit den Flügeln und machten sich schreiend davon (KThom 2,4).

Jesu hatte schon als Kind Wunderkräfte

Die Lehm-Spatzen - klingt fast wie in der großen Schöpfungsgeschichte. Mit Absicht. Das Kindheits-Evangelium des Thomas will zeigen, dass schon der kleine Messias zu Wundern fähig war. In den 19. Kapiteln heilt er einen schwer verletzten Handwerker, rettet seinen Bruder von einem Schlangenbiss, macht mit nur einem Weizenkorn ein ganzes Dorf satt. Aber die Schrift zeigt auch eine andere Seite. Der Junge Jesus setzt auch schon mal seine Wunderkraft gegen Spielkameraden ein. Und in der Schule treibt er durch sein großes Wissen einen Lehrer schier zur Verzweiflung.

Da wurde der Lehrer böse und gab ihm einen Klaps auf den Kopf. Den Knaben schmerzte das, und er verfluchte ihn, und sogleich fiel er, der Lehrer, in Ohnmacht und schlug auf den Boden hin, gerade aufs Gesicht (KThom 14,2).

Kindheits-Evangelium steht nicht im Neuen Testament

Das Kindheits-Evangelium des Thomas ist vermutlich im 2. Jahrhundert in Syrien entstanden. Es zeigt einen Gottessohn, der erst noch lernen muss, mit seinen Wunderkräften umzugehen. Einen Sonnenschein, der auch mal bockig und wütend reagieren kann. Ob es so gewesen ist? Die Mütter und Väter der frühen Kirche haben diese Geschichten nicht überzeugt. Als sie Ende des 4. Jahrhunderts über den Umfang des Neuen Testaments beschließen, bleibt das Kindheits-Evangelium außen vor. Dennoch erfreut sich die Schrift bis ins Mittelalter großer Beliebtheit. Künstler malen und illustrieren einige der Episoden. Und die Geschichte über die Lehm-Spatzen fließt sogar in den Koran ein.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 02.05.2020 | 09:20 Uhr

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