Stand: 14.02.2019 19:00 Uhr

Zu viel Heizungswärme stresst alte Kirchen

von Oliver Vorwald

"Ich mag derzeit gar nicht zum Gottesdienst gehen. Unsere schöne alte Kirche wird immer nur ganz sparsam beheizt. Hat das einen besonderen Grund?“

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Die ideale Raumtemperatur in alten Kirchen beträgt acht Grad.

Der Winter 1929, ein frostiges Frühjahr. Schnee knarzt auf den Wegen, über der alten Backsteinkirche klirrt ein eisblauer Himmel. Von allen Höfen kommen sie am Sonntag zum Gottesdienst, obwohl hier keine Kuscheltemperaturen herrschen. Denn ihre Kirche wurde im Mittelalter erbaut, ohne Heizung. Aber die Menschen wissen sich zu helfen. Viele tragen ein hölzernes Stövchen bei sich. Darin glimmen in einer Schale Kohlen oder Torfbrickets. Auf diese mobile Wärmequelle setzen sie ihre Füße und sind gegen die Kälte gewappnet. Damals, vor 90 Jahren.

Zu viel Wärme schädigt historisches Inventar

So richtig kuschelig im Gottesdienst wird es erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Da erhalten viele alte Kirchen moderne Heizungsanlagen. Was sich für die Kirchgänger gut anfühlt, bedeutet allerdings Stress für das historische Inventar: Orgel, Gemälde, Schnitzaltäre. Gerade dann, wenn die Raumtemperatur während des Winters einmal in der Woche schlagartig erhöht wird. Bei Wärme dehnen sich viele Werkstoffe aus. Das kann zu Rissen in der Farbfassung führen, zu Sprüngen im Holz. Experten raten, die alten Kapellen und Kirchen maximal auf 16 Grad zu beheizen, besser wären 14 Grad. Und das wiederum muss langsam geschehen, ein Grad pro Stunde. Während der Woche sollte die Raumtemperatur bei acht Grad liegen. Und dann wäre da noch die relative Luftfeuchte. Ideal ist ein Wert zwischen 50 und 60 Prozent. Liegt der höher, bilden sich Tröpfchen an den Wänden oder in der Orgel. Schimmel entsteht, das Instrument wird beschädigt.

Gottesdienst im Gemeindehaus feiern

In den alten Kirchen darf es gar nicht kuschelig warm werden. Denkmalschutz. Also wieder mit Fuß-Stövchen von damals zum Gottesdienst? Keine wirkliche Alternative angesichts der modernen Brandschutzauflagen. Experten raten daher während der eisigen Jahreszeit zur "Winterkirche" in das Gemeindehaus einzuladen. Diese Gebäude sind anders isoliert und lassen sich sogar auf Wohnzimmer-Temperatur bringen. Das schont das historische Inventar der Kirchen und spart bares Geld. So lassen sich die Heizkosten für ihre Kirche um rund ein Drittel senken.

Mehr aus dieser Sendereihe lesen Sie in: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 16.02.2019 | 09:15 Uhr

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