Stand: 16.07.2020 13:51 Uhr

Christlicher Glaube ist ein Gottesgeschenk

von Sieghard Wilm
Ein Mensch sitzt betend in einer Kirche © photocase.de Foto: David W
Ein Mensch sitzt in der Kirche und betet.

Dieser Brief macht ihm Angst. Mit einem Behördenschreiben kommt der 22jährige Geflüchtete zu mir. Nennen wir ihn Ali. Sein wahrer Name soll hier nicht genannt werden. Ali hat diesen Brief in einem gelben Umschlag vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge erhalten. Er versteht den Behördenbrief nicht. Auch ich brauche einen Moment, um zu verstehen, was da von der Behörde verlangt wird. Als ich verstehe, kann ich es nicht fassen: Das ist eine Glaubensüberprüfung von Amts wegen.

"Sind Sie wirklich Christ?"

Es geht um die Frage: ist dieser Geflüchtete wirklich Christ? Eine Reihe von Fragen werden ihm vorgelegt. Er muss sie beantworten. Gleich wird auch mit einer Strafe bis zu 25.000 Euro gedroht, sollte er sich weigern. Eine Glaubensüberprüfung von Amts wegen.

Als Pastor werde ich aufgefordert, Auskunft zu geben über mein Gemeindemitglied. Wie oft er zur Kirche geht, etwa. Führen wir etwa Strichlisten? Was für eine Zumutung! Ich habe Ali vor sechs Jahren kennengelernt, da war er 16 Jahre alt und sprach kaum Deutsch. Er wollte Taufunterricht. Ich habe ihn in die Konfirmandengruppe aufgenommen. Er hat sich taufen und konfirmieren lassen. Dann hat er einen Jugendleiterkurs gemacht und die nächste Konfirmandengruppe mitgeleitet.

Ich kenne in den letzten Jahren keinen anderen Jugendlichen, der so häufig zum Gottesdienst gekommen ist, der sich so intensiv mit den Fragen des Glaubens beschäftigt hat und sich so viel ehrenamtlich eingesetzt hat wie er. Aber nun wird dieser Glaube des Flüchtlings in Zweifel gezogen. Sollte die Behörde seinem Glauben keinen Glauben schenken, dann droht ihm die Abschiebung in ein Land, in dem Christen die Todesstrafe erwartet.

Glauben kann man nicht überprüfen

Ich denke, dass diese Glaubensprüfungen nicht gut sind. Aus mehreren Gründen: Ein junger Mensch, der sich gerade zurechtgefunden hat, wird in Existenzangst gebracht. Schlimm finde ich aber auch den Gedanken, dass der Glaube etwas sei, das jemand überprüfen könne. Da wäre ich mal gespannt, was da rauskommen würde, wenn wir alle uns so einer Prüfung unterziehen müssten: Nur zu Weihnachten in die Kirche? Ob das zum guten Christen reicht? Mal ehrlich: Können sie eigentlich die Zehn Gebote fehlerfrei aufsagen? Wie absurd so ein Glaubenstest wäre.

Für mich bleibt wichtig: Der christliche Glaube ist keine Leistung, kein Verdienst, sondern ein Gottesgeschenk. Der Glaube ist eine Freiheit, die wir mit Menschen vieler Kulturen und Sprachen teilen dürfen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 17.07.2020 | 09:40 Uhr

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