Stand: 20.12.2016 23:20 Uhr

Angst vor dem Terror darf uns nicht beherrschen

Nach dem Lkw-Anschlag in Berlin sind noch viele Fragen ungeklärt. Doch der Anschlag hat auch Folgen für die Menschen in Deutschland. Viele fühlen sich nun unsicher und bedroht. Welche Konsequenzen müssen wir daraus ziehen?

Ein Kommentar von Michael Götschenberg, Korrespondent im ARD-Hauptstadtstudio

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Michael Götschenberg meint in seinem Kommentar, dass wir uns von den Terroristen nicht einschüchtern lassen dürfen.

Der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche ist schrecklich. Viele Menschen sind gestorben, die Tat ist sinnlos, sie macht betroffen und wütend. Es gibt viele Fragen, auf die wir noch keine Antwort haben, bis hin zu den ganz zentralen Fragen: wer und warum?

Aber gerade weil das so ist, sollten wir jetzt nicht reflexhaft die immer selben Diskussionen führen. Bevor wir überhaupt wissen, womit genau wir es zu tun haben, reden wir darüber, ob all das nicht hätte verhindert werden können und müssen, und was denn nun zu tun ist, um Ähnliches in Zukunft zu verhindern. Zum jetzigen Zeitpunkt wissen wir nicht einmal sicher, ob wir es mit einem islamistischen Hintergrund zu tun haben.

Absolute Sicherheit ist eine Illusion

Kann man verhindern, dass ein Lkw in eine Menschenmenge fährt? Nein, das kann man nicht. Wer meint, man könne oder müsse Weihnachtsmärkte in Festungen verwandeln, der gibt sich einer Illusion hin: dass man nämlich Anschläge dadurch verhindern könnte. Auf einem Weihnachtsmarkt, der mit Betonblöcken gesichert ist und Einlasskontrollen wie am Flughafen hat, vielleicht, ja. Aber wollen wir solche Weihnachtsmärkte?

Und selbst das würde an der Gefährdungslage nichts ändern. Attentäter gehen dorthin, wo sie zuschlagen können. Und wenn es nicht ein Weihnachtsmarkt ist, dann ist es ein anderer öffentlicher Ort, an dem Menschen sich versammeln.

Wir sind nicht machtlos gegen Terror

Nach Nizza haben wir über die Sicherheit von Fußgängerzonen diskutiert, jetzt sind es Weihnachtsmärkte, dann Bahnhöfe, Flughäfen, Fußballstadien - die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Wir müssen uns, so tragisch das ist, damit abfinden, dass man den öffentlichen Raum nicht komplett absichern kann. Das heißt nicht, dass wir machtlos gegen den Terror sind.

Unsere Sicherheitsbehörden waren in diesem Jahr durchaus erfolgreich, wenn es darum ging, Terrorverdächtige aufzuspüren, bevor sie zuschlagen konnten. Aber klar ist eben auch, dass das nicht immer gelingt, so bedrückend diese Erkenntnis auch ist. Aber daran ändern weder Betonabsperrungen um Weihnachtsmärkte noch Poller in Fußgängerzonen etwas.

Polizei kann nur punktuell für Sicherheit sorgen

Das heißt nicht, dass man gar nichts tun kann. Mehr Polizei kann punktuell für mehr Sicherheit sorgen, aber eben nur punktuell. An der Gefährdungslage insgesamt ändert das nichts.

Das Entscheidende aber ist: Wir müssen lernen, mit dieser Gefährdungslage umzugehen. Uns nicht von der Angst vor dem Terror beherrschen zu lassen. Sie ist Teil unseres Alltags geworden, so wie in unseren Nachbarländern Frankreich und Belgien auch, so bitter das ist. Wie wir leben, was wir tun und was wir lassen, das sollten wir uns nicht von Terroristen diktieren lassen. Dann haben sie schon bekommen, was sie wollen.

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NDR Info | Kommentare | 20.12.2016 | 17:08 Uhr