Stand: 30.09.2020 21:21 Uhr

Meinung: Mehr Debatte in den Tagesthemen

von Daniel Bouhs

Fast auf den Tag genau vor einem Jahr, im Oktober 2019, trat Helge Fuhst als sogenannter Zweiter Chefredakteur der Redaktion ARD-aktuell in Hamburg an. Während sich sein Kollege Marcus Bornheim als Erster Chefredakteur vor allem um die "Tagesschau" kümmert und seine Kollegin Juliane Leopold in der Chefredaktion um die digitalen Aktivitäten, ist Fuhst für "Tagesthemen" zuständig. Dort schraubt er gerade an den täglichen Kommentaren. Der Chefredakteur spricht von einem "ganzen Paket" an Änderungen, die das Publikum nach und nach bemerken werde.

VIDEO: Meinung: Mehr Debatte in den Tagesthemen (7 Min)

Der erste und sichtbarste Schritt ist auch bei Satiriker Jan Böhmermann angekommen. Nach 42 Jahren heißt der Kommentar in den "Tagesthemen" nun Meinung - wie Moderatorin Caren Miosga ankündigte, "ganz einfach, damit noch deutlicher wird, dass dies nicht die Ansicht der gesamten 'Tagesthemen'-Redaktion ist, sondern die persönliche Meinung eines einzelnen Kollegen. Böhmermann vermutet, die "Angsthasenredaktion" befinde sich in einer "heraufbefürchteten journalistischen Defensive", und fragte: "Was sind denn das für "Leute", die das nicht verstehen?"

AfD und FDP fordern "Ausgewogenheit" - und die ARD zieht nach

Die neue Chefredaktion von ARD-akutell: Dr. Helge Fuhst, Marcus Bornheim und Juliane Leopold. © NDR Foto: Thomas Pritschet
Die Chefredaktion von ARD-akutell: Dr. Helge Fuhst, Marcus Bornheim und Juliane Leopold.

Fuhst verteidigt den Schritt. Die Chefredaktion habe zwar keine Statistik geführt, sagt er, doch aus Diskussionen in Sozialen Netzwerken oder auch in der Zuschauerpost sei klar geworden, dass einige hinter dem Begriff "Kommentar" nicht das richtige vermuteten. "Wir sind auch nicht die Einzigen, die von 'Meinung' sprechen", sagt Fuhst. Bei vielen Zeitungen hießen entsprechende Seiten schon lange so. Für die Chefredaktion passe der Begriff schlicht "besser in die heutige Zeit". Ändern sollen sich bald aber auch das Format und vor allem die Bandbreite der Positionen.

Im Netz hat die "Tagesschau" Erfolg mit Pro-und-Contra-Kommentaren, bei denen gegensätzliche Meinungen direkt aufeinanderprallen. Das soll es künftig auch in den "Tagesthemen" geben - ein paar Mal im Jahr und zu ausgewählten Inhalten. Bei großen Themen sollen aber auch die klassischen, einzelnen Meinungsbeiträge über die Zeit unterschiedliche Positionen widerspiegeln. Auch dazu registriere die Redaktion immer wieder Kritik in Sozialen Netzwerken und per Post. Aus der Politik fordern vor allem AfD und FDP "Ausgewogenheit". Dazu sei die ARD nun mal verpflichtet.

Während Fuhst in der Chefredaktion von ARD-aktuell grundsätzlich am Format arbeitet, wird die Auswahl der Themen und Kommentierenden von Rainald Becker als ARD-Chefredakteur in München koordiniert. "Ich sage mal, wenn sie im Jahr 25 Mal im weitesten Sinne Klimawandel kommentieren und 25 Mal immer aus der gleichen Richtung, dann blenden sie einen Teil der Bevölkerung aus", sagt er. "Da wollen wir in Zukunft ein bisschen gegensteuern, um das mal klar zu sagen."

Weitere Informationen
Die "Tagesthemen"-Kommentare sorgen oft für Diskussionen - hier werden neun bekannte Kommentatoren in einer Übersicht gezeigt. © NDR

"Tagesthemen"-Kommentare: Meinungen mit Folgen

Der Kommentar ist das Format, in dem ein Journalist seine persönliche Meinung wiedergeben soll - das versteht offenbar nicht jeder Zuschauer. Im Netz gibt es oft offenen Hass und Drohungen. mehr

Historiker warnt vor Diskursverschiebung nach rechts

In der Wissenschaft werden Zweifel laut, ob dieser Weg tatsächlich geboten ist. "Wessen Position wird eigentlich gehört, wessen Position wird gesendet und welche Position bekommt damit auch Legitimität?", fragt Jürgen Zimmerer, Historiker an der Hamburger Universität. Er warnt vor einer "Diskursverschiebung" nach rechts. Zudem könnten extreme Positionen salonfähig gemacht werden.

"Multiperspektivität ist gut", sagt Zimmerer. Zum einen sollten aber gerade schwierigen Positionen nicht ungefiltert Sendezeit eingeräumt werden, sondern nur mit einer Einordnung, sonst setzten sei sich fest. "Aber es gibt natürlich einen Rahmen, außerhalb dessen Positionen einfach absurd sind Ich warte dann auf den Kommentar in den 'Tagesthemen' zu 'Die Erde ist eine Scheibe' oder 'Der Antisemitismus ist richtig'."

VIDEO: Jürgen Zimmerer: "Diskursverschiebung nach rechts" (12 Min)

Die Frage wird also sein, wie weit das Spektrum erweitert werden soll. "Antisemitische Meinungen haben in den 'Tagesthemen' überhaupt nichts zu suchen", betont Becker. Solange er Chefredakteur sei, "aber mit Sicherheit" auch unter seinem Nachfolger Oliver Köhr, der im Mai antritt, werde es das nicht geben. "Da muss man dann einschreiten. Und ansonsten: Zwischen den Leitplanken, die uns die demokratisch-freiheitliche Grundordnung setzt, muss alles möglich sein."

ARD will mehr Experten statt Stimmen aus der Hierarchie

Becker sucht nun mit den Chefredakteurinnen und Chefredakteuren der neun ARD-Sender neue Gesichter und vor allem Stimmen für den Kommentarplatz in den "Tagesthemen". Mehr jüngere sollen es dem Vernehmen nach gerne sein, nachdem unter Becker der Anteil von Frauen an den gesprochenen Kommentaren im zuletzt ausgewerteten Jahr 2019 bereits auf 41 Prozent gestiegen ist - von beinahe 0 im ersten Jahr 1978. Außerdem sollen mehr Expertinnen und Experten, eventuell sogar Externe ihre Meinung sagen. Zurückstehen sollen dafür Hierarchinnen und Hierarchen der Sender, so der Plan.

VIDEO: Rainald Becker: "Wir werden keine Zensur ausüben" (16 Min)

"Wir werden keine Zensur ausüben", erklärt Rainald Becker auf die Frage, wie der Kreis der Kommentierenden aus der ARD zustande kommen soll. Eine feste Liste soll es - anders als in den vergangenen Jahrzehnten - nicht mehr geben. "Wir werden rumfragen. Wir werden uns vielleicht ein bisschen mehr Zeit nehmen in unseren täglichen Schaltkonferenzen, eine Kommentatorin oder einen Kommentator zu einem bestimmten Thema zu finden. Aber wenn es eine bestimmte Richtung nicht gibt, dann gibt es sie nicht."

 

Weitere Informationen
Christine Strobl schaut in die Kamera © ARD Degeto Foto: Laurence Chaperon

Neue ARD-Programmdirektorin Strobl: zu große CDU-Nähe?

Als Programmdirektorin fürs Erste und die ARD-Mediathek hat die Juristin bald viel zu sagen. Doch CDU-Mitglied Christine Strobl begleiten Zweifel hinsichtlich ihrer politischen Unabhängigkeit. mehr

70 Jahre ARD: Ein breites Angebot - doch wie zielführend? © NDR

70 Jahre ARD: Klare Vergangenheit, unklare Zukunft

Der Senderverbund ist historisch gewachsen: Viel TV, noch mehr Radio, nun immer mehr im Netz. Politik und Kritiker fragen sich derweil: Wie viel ARD soll künftig noch sein? mehr

Tom Buhrow, Vorsitzende der ARD und WDR-Intendant © NDR
9 Min

Tom Buhrow: "Es ist eine schwierige Zeit"

Der WDR-Intendant und ARD-Vorsitzende spricht mit ZAPP über ein Jubiläum in schwiergien Zeiten und die Herausforderungen für die Öffentlich-Rechtlichen nach 70 Jahren. 9 Min

Thumpnail Sparkurs © NDR

Sparkurs in der ARD: NDR geht ans Programm

300 Millionen Euro will der NDR sparen. Betroffen sind Technik, Verwaltung - und das Programm. Die Kürzungen treffen auch viele journalistische Angebote - zum Beispiel ZAPP. mehr

NDR Intendant Joachim Knuth im Interview

NDR beschließt Sparmaßnahmen von 300 Millionen Euro

Der NDR muss in den kommenden vier Jahren massiv sparen. Betroffen ist vor allem der Bereich Unterhaltung, auch Personalkosten werden reduziert. Intendant Knuth betont: Informationsangebote werden bewahrt und ausgebaut. mehr

Der Rundfunkbeitrag liegt bei 17,50 Euro, obwohl die Kosten 18,35 Euro betragen - Rücklagen haben den Preis stabil gehalten. Nun soll der Beitrag wohl auf 18,36 Euro erhöht werden. © NDR

Rundfunkbeitrag: Sind 86 Cent mehr zu wenig?

Der Rundfunkbeitrag liegt bei 17,50 Euro, das Programm kostet allerdings 18,35 Euro - Rücklagen haben den Preis stabil gehalten. Die sind weg. Wie hoch soll der künftige Beitrag sein? mehr

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 30.09.2020 | 23:40 Uhr