Dr. Christine Fuchs in Valencia © Christine Fuchs

Tierärztin fordert Impfpflicht gegen Pferde-Herpes

Stand: 03.03.2021 16:55 Uhr

Christine Fuchs von der Tierklinik Lüsche in Niedersachsen ist eine von zwei betreuenden deutschen Tierärztinnen in Valencia, wo unter den Pferden eine aggressive Herpes-Variante grassiert und mehrere Tiere bereits gestorben sind. Der NDR hat mit ihr gesprochen.

Frau Fuchs, wie ist aktuell die Situation in Valencia?

Wir hatten ungefähr 100 Pferde mit Symptomen. Weitere 50 sind hier, die keine Symptome gezeigt haben, von denen inzwischen aber auch einige positiv auf das Virus getestet wurden. Bei diesen Tieren wissen wir noch nicht genau, wie es medizinisch weitergeht. Wir haben hier momentan keine ganz schwer erkrankten Pferde mehr. Es sind aber noch einige in der Klinik, sie scheinen auch auf dem Weg der Besserung zu sein. Bei den Pferden sieht es also zurzeit nicht so schlecht aus. Das kann sich aber jederzeit ändern, weil einige noch nicht so lange Fieber haben. Nicht entspannt ist die Lage bei den Reitern und Besitzern. Das ist sehr stressig, sehr angespannt und sehr, sehr schwierig.

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Mit wie vielen Ärzten sind Sie dort?

Wir sind zu zweit aus Deutschland hier. Gestern sind noch zwei Kollegen aus Frankreich dazugekommen. Es ist außerdem eine Kollegin aus der Schweiz da und dann noch einige spanische Tierärzte, die sich aber abwechseln. Im Schnitt also etwa zehn Tierärzte.

Wie erleben Sie das Krisenmanagement des Veranstalters und des Weltverbandes FEI vor Ort?

Geht so. Es ist sehr schwierig an Informationen zu kommen. Für uns und auch für die Pferdebesitzer. Die FEI hat jemanden hergeschickt, der alles koordiniert, der aber auch die ganze Zeit am Telefon hängt, weil es viele Anfragen und Beschwerden gibt. Mit dem Veranstalter habe ich persönlich nichts zu tun. Was ich von den Reitern höre, ist eher katastrophal.

Sie sind Fachärztin für Pferde, Ihr Herz hängt sicherlich an den Pferden. Wie erleben Sie diese Situation persönlich?

Das ist unglaublich schwierig. Die eine Seite des Problems sind die Pferde, die andere sind die Besitzer. Natürlich ist es für uns als behandelnde Tierärzte schlimm, wenn es einem Pferd schlecht geht oder ein Pferd so grausam stirbt. Aber viel schlimmer ist es, wenn man den Besitzer daneben hat, der jetzt das zweite Pferd verliert oder noch eins in die Klinik fahren muss. Die Anspannung ist schrecklich, da wird öfter mal über die Stallgasse gebrüllt. Es bemühen sich alle und es wird sich dann auch immer entschuldigt, aber die Kommunikation mit den Besitzern ist das Schwierigste. Die Nerven liegen allseits blank.

Man könnte gegen dieses Virus impfen. Kostenpunkt zwei Mal im Jahr 50 bis 70 Euro. Warum sind nicht alle Turnierpferde geimpft?

Einige der Pferde sind geimpft, aber viele auch nicht. Das Problem bei dieser Impfung ist, dass sie keinen Einzeltierschutz bietet. Es gibt auch geimpfte Pferde unter den verstorbenen Tieren. Diese Impfung schützt eigentlich nur dann, wenn alle Pferde geimpft sind. Weil ein geimpftes Pferd nur sehr wenig Virus absondert, ist es nur sehr wenig ansteckend. Wenn wir also alle Pferde geimpft hätten, hätten wir wahrscheinlich auch einen Ausbruch gehabt, er wäre aber viel milder verlaufen.

Müsste diese Impfung also nicht eigentlich für Turnierpferde zur Pflicht werden?

Meiner Meinung nach ja! Ich weiß, dass die verschiedenen Reitsportverbände der einzelnen Länder und auch die FEI darüber nachdenken. Sie werden sicherlich in den nächsten Monaten intensiv darüber reden und wahrscheinlich auch Entscheidungen treffen.

Das Virus ist in Deutschland nicht anzeige- oder meldepflichtig. Wie kann das sein, bei einer Erkrankung mit so verheerenden Folgen?

Das kann ich nicht beantworten. Ich weiß, dass das von verschiedenen Seiten in Deutschland schon länger gewünscht wird, weil dann die Nachverfolgung der Fälle deutlich einfacher wäre. Wir haben immer wieder Ausbrüche, auch momentan in kleineren Betrieben. Viele haben die Hoffnung, dass in der Konsequenz auch in Deutschland eine Meldepflicht eingeführt wird.

Welche Langzeitfolgen haben möglicherweise Tiere, die die Erkrankung überleben?

Die meisten der überlebenden Pferde genesen vollständig, auch wenn sie schwer erkrankt waren. Das mag ein bisschen dauern, aber ein Großteil der Pferde kommt im langfristigen Verlauf glimpflich davon. Es gibt aber immer einige Pferde, die Langzeitschäden davontragen. Zum Beispiel Gangveränderungen oder andere Ataxien, also Störungen der Bewegungskoordination. Eine genaue Prozentzahl dieser Fälle kann ich Ihnen leider nicht sagen.

Ein Teil der Pferde ist also anschließend im Sport nicht mehr einsetzbar?

Ja, das ist möglich. Es ist eher ein kleiner Teil, viele schaffen es, aber das kann passieren.

Wie können sich jetzt Pferdebesitzer in Deutschland schützen?

Aktuell ist es so: Wir haben wohl einige Pferde, die auch bis nach Deutschland gekommen sind. Aber es ist jetzt nicht so, dass überall in Deutschland die Gefahr deutlich höher ist als noch vor ein paar Wochen. Das Wichtigste ist, Pferdebewegungen einzuschränken, Desinfektionsmaßnahmen, Quarantäne und eine Gesundheitsbescheinigung, wenn man ein Pferd in einen neuen Stall führt. Langfristig natürlich, dass es eine Impfpflicht im Stall gibt oder in den Beständen.

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Das Virus ist hochansteckend, wurde jetzt bei der Global Champions Tour in Doha nachgewiesen. Was bedeutet das für den Turniersport in den nächsten Monaten?

Es sind ja bereits europaweit bis zum 28. März alle internationalen Turniere abgesagt worden, in Deutschland auch die nationalen Turniere. Man muss schauen, wie sich das Ganze entwickelt. Das Problem sind die Pferde, die in Valencia abgereist sind, bevor klar war, was hier los ist. Die dann in einen anderen Stall gekommen sind und es dann weiterverbreitet haben. Diese Pferde muss man versuchen nachzuverfolgen und die Kontakte minimieren, damit es nicht immer weitergetragen wird.

Das ist also dasselbe Thema wie bei Corona: Wie funktioniert die Nachverfolgung?

Ganz genauso. Wir haben hier unser Pferde-Corona. Im Prinzip ist das alles sehr ähnlich. Auch die Maßnahmen. Das kann man sehr gut vergleichen.

Wie hartnäckig ist dieses Virus?

Generell ist es ein kein sehr stabiles Virus und mit gängigen Desinfektionsmitteln sehr gut abzutöten. Nichtsdestotrotz kann es unter guten Bedingungen, bei bestimmten Temperaturen, bis zu acht Monate überleben. Da muss dann aber wirklich alles stimmen.

Würde es den deutschen Pferdebesitzern helfen, wenn sie jetzt noch ihre Tiere impfen ließen?

Wenn ich in meinem Betrieb kein infiziertes Pferd habe, kein Pferd mit Fieber und sie ansonsten gesund sind, dann ja. Aber auch hier ist wichtig, dass im Idealfall alle Tiere in einem Betrieb geimpft sind.

Wie geht es jetzt weiter? Worauf muss man sich einstellen?

Das ist eine schwierige Frage. In Valencia wird sich das noch mindestens zwei Monate ziehen. Die Behörden haben jetzt sämtlich Pferde getestet. Momentan sieht es so aus, dass diese Pferde, wenn sie symptomfrei sind und keine Medikamente mehr bekommen, noch 28 Tage lang bleiben müssen und dann nach einem negativen Test nach Hause dürfen. Abgesehen davon hoffe ich, dass man die regionalen Ausbrüche relativ schnell in den Griff bekommt, weil man jetzt weiß, womit man es zu tun hat. Wenn jetzt ein Pferd an Fieber erkrankt, wird man sofort hellhörig und hoffentlich sofort entsprechende Hygiene- und Isolationsmaßnahmen ergreifen.

Das Interview führte Sandra Maahn

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Sportclub | 07.03.2021 | 22:50 Uhr

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