Stand: 13.03.2020 12:00 Uhr  - Sportclub

Testosterongesteuert: Im falschen Körper geboren

Fabian und Marino haben sich beim Sportverein Grün-Weiß Eimsbüttel kennengelernt. Beide haben dort in den Frauenteams Fußball gespielt und sich fast zeitgleich als Transmänner geoutet. Das ist mittlerweile vier Jahre her. Seitdem durchlaufen sie ihre zweite Pubertät und sind auch äußerlich Männer geworden. Ina Kast und Anne Strauch haben beide jahrelang auf ihrem spannenden Weg begleitet.

"Als Kind habe ich abends heimlich zu Gott gebetet, dass ich morgens aufwache und endlich ein Junge bin", erzählt Marino, wenn er an seine Kindheit zurückdenkt. Der 26-Jährige ist genetisch gesehen weiblich zur Welt gekommen, hat sich aber nie als Mädchen gefühlt. Fabian teilt dieses Schicksal. Der 32-Jährige hieß früher Cindy. Als sein jüngerer Bruder geboren war, fragte der damals Sechsjährige seine Mutter, ob er sich das nicht auch nochmal aussuchen könne, er wolle lieber ein Junge sein. Eine Lösung war für ihn damals noch nicht in Sicht. "Irgendwann resigniert man. Ich bin ein Mädchen. Mädchen ziehen Kleider an. Das war so eingeimpft", erzählt Fabian.

Testosterongesteuert: Wenn aus Fußballerinnen Männer werden 2/2

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Die Sportclub Story hat zwei Transmänner dreieinhalb Jahre lang auf dem Weg zu ihrer neuen Identität begleitet. Teil zwei der Dokumentation "Testosterongesteuert".

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Ein Leben lang Testosteron

Der 28. Juni 2016 war einer der wichtigsten Tage in Marinos Leben. So wichtig, dass er das Datum mittlerweile sogar als Tätowierung auf dem Unterarm trägt. Denn an diesem Tag hat er seine erste Testosteronspritze bekommen. "Das war der Start meines neuen Lebens, was ich mir immer gewünscht habe", sagt er. Seitdem holt er sich genau wie Fabian alle drei Monate eine Dosis Testosteron bei seinem Arzt ab. Durch das männliche Sexualhormon sind beide Transmänner ziemlich schnell in den Stimmbruch gekommen und haben mittlerweile eine tiefe Stimme. Auch Barthaare sind gesprossen und Muskeln gewachsen. Marino hat das Muskelwachstum durch zusätzliches Krafttraining verstärkt. "Wenn ich schon die Chance habe, den Körper zu haben, in dem ich mich wohl fühle, möchte ich auch alles dafür tun, ihn auch zur Schau zu stellen. Dann fühle ich mich noch wohler darin", sagt Marino.

Brüste und Gebärmutter sind weg

Doch die lebenslange Hormonersatztherapie ist nicht alles, was Fabian und Marino auf sich nehmen. Auch Operationen liegen hinter ihnen. "Ich war zwar mit wenig Oberweite gesegnet, doch ich wollte endlich eine richtige Männerbrust haben", berichtet Fabian. Deshalb hat er sich die Brüste operativ entfernen lassen.

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Testosterongesteuert, Teil 1

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Von der ersten Testosteronspritze bis zur Brustoperation: zwei Transmänner auf dem Weg zu ihrer neuen Identität. Die Sportclub Story hat beide begleitet. Teil eins der Dokumentation. Video (44:25 min)

Außerdem lag er vor zwei Jahren als mittlerweile bärtiger Mann auf der Gynäkologie-Station eines Hamburger Krankenhauses. Der Grund: Auch Gebärmutter und Eierstöcke wurden entnommen. Ärzte hatten den beiden Transmännern zu dieser Entnahme geraten, um das Krebsrisiko zu senken. "Noch weiß man nicht, was eigentlich passiert, wenn den weiblichen Geschlechtsorganen viele Jahre männliche Hormone zugeführt werden", erklärt Fabians behandelnde Ärztin. Auch bei Marino sind neben der Brüste auch die weiblichen Geschlechtsorgane mittlerweile weg. Dadurch ist der weibliche Hormonhaushalt endgültig lahmgelegt und Marino hat einen äußerlichen Männlichkeitsschub bekommen. Seine Gesichtszüge sind deutlich markanter.

Viel Zuspruch im Sportverein

Von Anfang an haben die ehemaligen Mitspielerinnen neugierig und positiv auf das Coming-out der beiden Transmänner reagiert. Hier spielt Sport ebenso eine Rolle wie Offenheit und Verständnis. Für Marino war es rückblickend ein Glücksfall, dass sich Fabian kurz vor ihm geoutet hat. "Da wusste ich, dass ich es auch durchziehen will. Es war toll, dass er mich dann auch unterstützt hat und mir viele Tipps gegeben hat."

Selbst wenn Marino wollte, dürfte er mittlerweile keine Punktspiele mehr mit den Fußballerinnen bestreiten. Denn auch laut Personalausweis ist er nun ein Mann. Deshalb hatte der 26-Jährige zwischenzeitlich die Seiten gewechselt. Statt selbst mit den Fußballerinnen zu spielen, hat er sein ehemaliges Team eine Saison lang gecoacht. Bei den Männern hat er auch schon zur Probe trainiert: "Das hat echt Spaß gemacht, war aber ziemlich anstrengend." Vielleicht wird er sich den Fußballern irgendwann anschließen.

Der Wunsch vom eigenen Penis

Um sich komplett zu fühlen, möchten Fabian und Marino auch einen Penis. Dieser könnte aus eigenem Gewebe aus Unterarm oder Oberschenkel modelliert werden. "Meist sind diese Operationen aber sehr risikoreich", sagt Fabian.

Internet-Links zum Thema Transidentität

www.dgti.org - Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V.

www.transmann.de - Bundesweiter Verein Transmann e.V. - Regionalgruppen und Stammtische gibt es in München, Stuttgart, Bielefeld, Köln, Saarland, Franken, Magdeburg und Hamburg. Weitere sind noch nicht offiziell gelistet, aber vielleicht schon vorhanden

Deshalb favorisieren beide eine andere Option: eine sogenannte Penisepithese, eine Art Penisersatz. Damit könnten sie endlich im Stehen pinkeln. Mit speziellen Penisepithesen ist sogar ein Orgasmus beim Geschlechtsverkehr möglich. Bislang aber haben die Krankenkassen der beiden Transmänner die Anträge auf einen solchen Penisersatz abgelehnt. Es läge keine medizinische Notwendigkeit vor, so die Begründung. Auf die psychologische Bedeutung wird nicht eingegangen. "Am Ende will ich vor dem Spiegel stehen und sagen: Ich bin fertig! So akzeptiere ich meinen Körper wie er jetzt ist", beschreibt Marino seine Gemütslage.

Ein ganz normaler Männeralltag

Der Leidensweg ist für Transmenschen oft lang und zermürbend. Genau wie Marino bereut Fabian seine Entscheidung für die Geschlechtsangleichung aber nicht. "Ich bereue höchstens, dass ich sie nicht eher getroffen habe. Aber ich bin ja noch nicht so alt, sodass ich noch einige Jahre vor mir habe und ich freue mich darauf, irgendwann ein Trans-Opi zu sein", sagt der 32-Jährige. Auch Marino wünscht sich einen ganz normalen Alltag als Mann. Mit seiner Partnerin malt er sich eine schöne gemeinsame Zukunft aus: "Erstmal möchte ich heiraten, dann Kinder haben und ein Haus kaufen."

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"Ich habe mir heimlich einen Bart aufgemalt"

Der Transmann Marino hieß bei seiner Geburt Mariko - er kam genetisch weiblich zur Welt. Mit dem NDR hat er über seinen Weg gesprochen. mehr

Im falschen Körper geboren: Cindy wird Fabian

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 15.03.2020 | 23:35 Uhr

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