Ein Mann mit Maske desinfiziert eine Eckfahne im Fußballstadion © imago images/PA Images

Sport, Corona und die Frage: Warum dürfen nur die Profis?

Stand: 25.01.2021 09:29 Uhr

Wenn einige Sportler in Zeiten der Coronavirus-Pandemie dürfen, was anderen verboten bleibt, sind gute Erklärungen gefragt. Der Versuch einer Betrachtung des Für und Wider.

von Andreas Bellinger

Stillstand und drohende Vereinspleiten im Breitensport, nichts bewegt sich im Kinder- und Gesundheitsturnen - nur die Profis im Fußball, Handball oder Tennis machen weiter, als gäbe es die strikten Beschränkungen in der Corona-Pandemie gar nicht. Warum? Weil sie es können - und vor allem: Weil sie es dürfen. In Gänze ist das schwer zu verstehen. Zumal Chefs von großen Breitensportvereinen wie Hajo Rosenbrock vom TK Hannover viel Wahres sagen, wenn sie meinen: "Für die Gesellschaft sind wir sehr viel wertvoller als ein Bundesligaverein." Es lohnt sich, nach Erklärungen zu suchen. Ein Versuch.

Lobbyarbeit und öffentliche Wahrnehmung

Es wäre zu einfach, diejenigen zu verteufeln, die mit dem Sport ihren Broterwerb bestreiten. Dass insbesondere das finanzielle Gebaren im professionellen Fußball die Grenzen des verstandesmäßig Erfassbaren erreicht hat, sollte die Branche lösen müssen, nicht aber als Notwendigkeit herhalten, den Spielbetrieb auf Biegen und Brechen fortzusetzen. Hygienekonzept hin oder her: Warum gespielt wird, ist neben erfolgreicher Lobbyarbeit natürlich auch eine Frage der öffentlichen Wahrnehmung. Wer wollte bezweifeln, dass Spiele und Wettbewerb zumindest punktuell ein wenig Unterhaltung in den tristen Pandemie-Alltag bringen?

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Lauterbach: Sicherheit im Breitensport nicht darstellbar

"Das muss man akzeptieren", sagt selbst SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, der das Treiben zunächst äußerst kritisch beäugt hatte, "Geisterspiele" ablehnte, nun aber im NDR erklärt: "Man kann sagen, der Profisport ist genau wie der Betrieb, wo gearbeitet wird oder die Unterhaltungsbranche. Wenn das sicher dargestellt werden kann, kann man Ausnahmen tolerieren." Richtig konsequent sei es aber natürlich nach wie vor nicht, so der Epidemiologe, der auf gewisse Sicherheit durch Antigen- und PCR-Tests verweist, die im Breitensport nicht in diesem Maße möglich seien.

Laxer Umgang mit Hygienekonzept

Aber rechtfertigt das den zunehmend laxen Umgang mit dem selbst verordneten Hygienekonzept? Wenn der Profisport Vorbild für den Nachwuchs ist, welches Zeichen wird dann ausgesendet? Wie sollen vor allem Kinder begreifen, dass sie keinen Sport machen dürfen, ihre Idole auf dem Fußballplatz sich aber herzen und umarmen wie in besten Zeiten, oder mancher Funktionär auf der Tribüne die Maske unter der Nase trägt? Ergibt es einen Sinn, dass "Handshakes" vor dem Spiel untersagt sind, Spieler, Trainer, Schiedsrichter und Betreuer genau dies aber nach dem Schlusspfiff ungeniert praktizieren?

Sörgel: Olympia-Entscheidung "ein Pokerspiel"

"Ich weiß nicht, ob es das richtige Signal ist", hatte Lauterbach in den Raum gestellt, als darüber diskutiert wurde, ob Olympia-Sportler jetzt bevorzugt geimpft werden sollen. Ein Vorschlag zur Unzeit, selbst für Enthusiasten des Sports, wenn nicht einmal genügend Impfstoff für Risikogruppen verfügbar ist.

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"Große Sorgen habe ich, dass im Sommer große internationale Turniere stattfinden sollen", so Lauterbach. Eine Fußball-Europameisterschaft in zwölf Ländern und Olympische Spiele in Tokio sicher zu organisieren? Geht nicht, meinen Lauterbach und auch Sportmediziner Fritz Sörgel, der die Entscheidungsfindung als "Pokerspiel" bezeichnet.

Giffey warnt vor Folgen für Kinder

Aber zurück zum Breitensport: Die vorgelegten Hygienekonzepte im Profisport sind vorbildlich, heißt es. Für das von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ausgezeichnete Projekt "IcanDo@School" aus Hannover, das Bewegungsangebote für Kinder in Corona-Zeiten entwickelt hat, gilt das genauso - dennoch liegt es wegen strenger Regeln derzeit mehr oder minder auf Eis.

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"Man sieht bei Kindern zunehmend Vereinsamung, Übergewicht, Bewegungsmangel, abgesehen von der Bildungsgerechtigkeit und den psychischen Folgen", warnt Bundesfamilienministerin Franziska Giffey im ARD-Morgenmagazin vor den Folgen leerstehender Turnhallen und ruhender Sportangebote gerade für die Jüngsten. Warum nicht auch für Kinder im Verein die Chance auf Sport mit strengen Regeln? Wie es gehen könnte, hat der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) nach eigenen Angaben in stetig angepassten Konzepten für die Verbände formuliert.

Handball-Vize Hanning: Sportler gehen ihrem Beruf nach

Einige der besten deutschen Handballer verzichteten aus Sorge um ihre Familien auf die Weltmeisterschaft in Ägypten. Dafür hatte nicht jeder Verständnis, obwohl das Leben in der sogenannten "Bubble" wie befürchtet nicht reibungslos funktionierte. Kein Problem für Bob Hanning: "Wir werden sogar schon ausgelacht, dass wir so vorsichtig sind", sagt der Vizepräsident des Deutschen Handball-Bundes (DHB) im RBB.

Nach dem Aus seiner Mannschaft in der Hauptrunde echauffierte er sich in der "Berliner Morgenpost" über Lauterbach und dessen Kritik an der WM. "Ich verbitte mir, Urteile zu fällen, wenn man gar nicht vor Ort ist." Und: "Handball kann man nicht im Homeoffice spielen, und unsere Sportler gehen ihrem Beruf nach. Das ist wichtig und richtig", so Hanning aus der Handball-Blase. Wichtig und richtig?

Privilegien für den Profisport

Man möchte Hanning zurufen, dass die WM zu spielen doch wohl ein Privileg in Zeiten der Corona-Pandemie ist und dass Verständnis beim Normalbürger nicht einfach so vorausgesetzt werden kann. So wie bei den bevorstehenden Australian Open der Tennis-Elite auch. Dass Australien sein striktes Einreiseverbot für Ausländer aufgeweicht hat, um einige hundert Tennisprofis und Begleiter mit eigens dafür gecharterten Flugzeugen auf den fünften Kontinent zu holen, ist nicht nur "down under" kritisch aufgenommen worden. Doch die vielen Millionen, die das erste Grand-Slam-Turnier des Jahres einspielen wird, wiegen offenbar schwerer als alle Bedenken.

Breitensport fühlt sich vergessen

Für eine Partie auf dem Tenniscourt nebenan wäre ein aufwendiges Prozedere nicht notwendig. Und doch bleiben die Hallen und Plätze der Vereine verwaist. Den 90.000 Clubs hierzulande fehlen auch Mieteinnahmen, ganz zu schweigen von immer weniger Beitragszahlern.

Frida steht vor einem abgesperrten Spielplatz. © dpa-Bildfunk Foto: Julian Stratenschulte/dpa

AUDIO: Breitensport: Lockdown trifft Kinder besonders hart (3 Min)

Der TK Hannover hat als zweitgrößter Verein Niedersachsens schon zehn Prozent seiner Mitglieder verloren. In Hamburg geht es der TSG Bergedorf nicht besser, belaufen sich die Verluste doch längst auf rund eine halbe Million Euro. "Weil wir nicht so im Fokus sind, werden wir vergessen", sagt Rosenbrock. "Das ist ungerecht." Vielleicht sollten die Profis mit ihren Sonderrechten häufiger innehalten und die Gesamtsituation reflektieren. Es wäre zumindest ein Zeichen.

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 24.01.2021 | 22:50 Uhr

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