Stand: 23.09.2019 09:00 Uhr

Rasta Vechta: Was kommt nach dem Basketball-Märchen?

von Andreas Bellinger, NDR.de
Soll zu einer Stütze für Rasta Vechta werden: Der von Valencia ausgeliehene Guard Sergi Garcia (M.).

Der "geilste Club der Welt" muss sich sportlich neu erfinden. Mit vergleichsweise kleinem Geld und selbstbewusster Eigenwerbung hatten die Basketballer von Rasta Vechta eine "märchenhafte Saison" hingelegt. Doch der Erfolg des letztjährigen Bundesliga-Aufsteigers hat seinen Preis, wie der Aderlass an Leistungsträgern zeigt. Hinzu kommt die zusätzliche Belastung als Champions-League-Teilnehmer. Headcoach Pedro Calles bleibt trotzdem Optimist, obschon der in der vergangenen Spielzeit überragende Akteur seines Teams den Verlockungen des Titelverteidigers Bayern München erlegen ist. Der Teamcheck:

So lief die vorige Saison:

Nach den ersten drei Niederlagen machte sich schon Ernüchterung breit im Rasta-Land. Die Zuschauer hielten dem Aufsteiger zwar unerschrocken die Treue, aber der Glaube an die Konkurrenzfähigkeit in der deutschen Eliteklasse schwand zusehends. "Man musste das Schlimmste befürchten", erinnert sich Geschäftsführer Stefan Niemeyer an die ein oder andere schlaflose Nacht.

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Doch das Team kämpfte sich mit unerschütterlicher Moral Schritt für Schritt aus dem Tal der Tränen und wurde am Ende Hauptrunden-Vierter. "Jetzt haben wir wohl eine Geschichte für den ganzen deutschen Basketball geschrieben", sagte Trainer Calles nach dem Halbfinal-Aus gegen Bayern München. Die Best-of-five-Serie ging zwar ohne eigenen Sieg verloren, die Qualifikation für die Champions League (CL) war aber weit mehr als ein Trostpflaster.

"Die Mannschaft ist einen schier unglaublichen Weg gegangen und hat für den Club die beste Saison der Geschichte hingelegt", sagt Niemeyer. Genauso wichtig scheint dem 58-Jährigen aber zu sein, dass "Team und Fans Rasta in ganz Deutschland extrem positiv vertreten haben - auf und abseits des Feldes". Das soll eine Verpflichtung auch für den neuen Kader sein, in dem einige Leistungsträger nicht mehr auftauchen. Vor allem der Abgang von T.J. Bray schmerzt, der eine beeindruckende Saison gespielt hat, wie Callas betont: "Er war herausragend und hat mir mehr über Basketball beigebracht als ich ihm."

Wer kommt, wer geht?

Dass der überragende US-Guard Thomas Joseph "T.J." Bray zum Liga-Krösus Bayern München gewechselt ist, konnte Rasta nicht verhindern. Die Summen, mit denen der Titelverteidiger jonglieren kann, sind für den kleinen Club im geografischen Dreieck mit Oldenburg und Bremen nicht zu stemmen. Doch auch Leistungsträger wie Austin Hollins, der künftig für den russischen Champions-League-Vertreter Zenit St. Petersburg spielen wird, und Seth Hinrichs (Ulm) werden nicht auf Anhieb zu ersetzen sein. Außerdem haben die Amerikaner Chris Carter, der erst im März gekommene Clint Chapman und Tyrone Nash den Verein aus Niedersachsen verlassen.

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"Unser Trainer hat es aus meiner Sicht aber trotzdem erneut geschafft", so Niemeyer, "ein schlagkräftiges Team zusammenzustellen." Neu dabei sind der Spanier Sergi Garcia (ausgeliehen von Valencia Basket) sowie die US-Basketballer Trevis Simpson (G.S.A. Udine), Kamari Murphy (Brooklyn Nets), Ryan Quaid (Texas A&M University), Ishmail Wainright (Nürnberg Falcons) und Steve Vasturia (Chocolates Trapa Palencia). "Das Puzzle vervollständigt" (Calles) hat der Deutsch-Amerikaner Jarelle Reischel. Der Zwei-Meter-Mann hat vor drei Jahren bereits eine kurze Zeit in Vechta gespielt und kommt nun zurück von Liga-Konkurrent Bonn, wo der 27-Jährige insbesondere in der Defensive starke Leistungen gezeigt hat.

Der Trainer:

Der als Spanier nach eigenen Worten "hochemotionale" Calles hat in seinem zweiten Jahr als Rastas Cheftrainer keine leichte Aufgabe vor sich. Zum einen drückt die Bürde der "märchenhaften Saison" mit dem Erreichen der Champions League. Zum anderen muss der 36-Jährige den Abgang einiger Leistungsträger kompensieren sowie die Talente und etablierten Neuen zu einer schlagkräftigen Einheit formen, die "auf und abseits des Spielfeldes gemeinsam für unsere Ziele kämpft". Viel verändern werde er im Vergleich zur erfolgreichen vorigen Saison sicherlich nicht, sagt der Headcoach, der nach seiner Debüt-Spielzeit im Mai zum "Bundesliga-Trainer des Jahres" gekürt worden war.  Erst einmal laute das oberste Ziel: "Zügig eine Mannschaft werden, in der sich jeder positiv entwickeln kann."

Ausblick auf die Saison:

"Mit dem Erreichen des Halbfinales hat Rasta etwas erreicht, was - angesichts unseres kleinen Standorts mit überschaubaren finanziellen Mitteln - so wohl kaum zu wiederholen sein dürfte", sagt Niemeyer. Ob der Rasta-Geschäftsführer die hohen Erwartungen der Fans und ihre Euphorie bremsen kann, darf bezweifelt werden. Zweifelsfrei bleibt hingegen das Fragezeichen, wie das Team die zusätzliche Belastung in der Champions League verkraften kann.

Auf jeden Fall geht es gleich richtig in die Vollen: In der Bundesliga startet Rasta, das in der neuen Saison in leuchtend orangefarbenen Trikots antritt, am 24. September in Ulm, wo vier Tage später im Pokal gleich eine Neuauflage dieser Partie ansteht. International bekommt es der CL-Debütant in der Hauptrunde unter anderem mit dem Champion von 2018, AEK Athen, dem neunmaligen französischen Meister Élan Béarnais Pau-Lacq-Orthez sowie dem israelischen Pokalsieger Hapoel Jerusalem zu tun. "Die Vorfreude auf die Spielzeit mit Pokal und Champions League ist eh riesig", sagt Niemeyer. "Da darf es dann auch gerne gleich hoch hergehen." Beim "geilsten Club der Welt".

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Sport aktuell | 23.09.2019 | 06:25 Uhr