Stand: 14.09.2020 09:40 Uhr

Nina Kraft: Tragödie einer Triathletin

Nina Kraft war die erfolgreichste Triathletin Deutschlands auf der Langdistanz. Doch ihren Namen verbinden die meisten mit dem wohl größten Doping-Skandal im Triathlonsport. Als erste Deutsche gewann die Braunschweigerin 2004 den legendären Ironman auf Hawaii. Kurz darauf wurde sie des EPO-Dopings überführt. Kraft gab alles zu, zeigte Reue, doch die Triathlon-Szene konnte oder wollte ihr nicht verzeihen - sie sich selbst am allerwenigsten. Am 16. August 2020 starb Nina Kraft an Depressionen leidend.

Am 16. Oktober 2004 war Nina Kraft auf dem Triathlon-Olymp angekommen und gleichzeitig am Tiefpunkt ihrer Karriere. Nach 9:33,25 Stunden überquerte die Braunschweigerin die Ziellinie auf dem legendären Ali'i Drive in Kailua-Kona, gewann als erste Deutsche den Ironman auf Hawaii. Höher hinaus geht es in diesem Sport nicht. Doch den Moment ihres größten Triumphes feierte Kraft trotz der Strapazen bemerkenswert unaufgeregt, denn schon in diesem Moment plagte sie das schlechte Gewissen. Ein Lächeln huschte der damals 35-Jährigen über das Gesicht, sie ballte kurz die Faust, schlug die Hände über dem Kopf zusammen: Überschwängliche Freude sieht anders aus.

VIDEO: Nina Kraft: Tragödie einer Triathletin (5 Min)

"Es war der größte Fehler meines Lebens"

Sie selbst wusste: Ihr größter Sieg basierte auf einem Betrug. Dreieinhalb Wochen später erfuhr es auch die Öffentlichkeit. Die A-Probe der Braunschweigerin belegte: Sie war mit dem leistungssteigernden Mittel EPO gedopt. Krafts Reaktion war überraschend: Noch vor Öffnung der B-Probe gab sie alles zu und zeigte sich untröstlich. "Ich weiß, es war der größte Fehler meines Lebens. Es tut mir total leid, aber ich habe es gemacht und stehe dazu", sagte sie im NDR Fernsehen. "Ich habe mich die ganze Zeit geschämt."

Die Enttäuschung des Vorjahres und der daraus resultierende Druck hätten sie zum Doping getrieben. 2003 hatte Kraft auf Hawaii schon auf Siegkurs gelegen, als eine aus ihrer Sicht ungerechtfertigte Zeitstrafe alles zunichte machte. "Letztes Jahr hat man mir das Herz rausgerissen. Dieses Jahr habe ich mir selbst das Herz rausgerissen."

Triathlon-Szene lässt Kraft fallen

Kraft ahnte bereits, was passieren würde. "Triathlon ist mein Leben, aber ich denke, dass mich jetzt niemand mehr im Triathlonsport sehen möchte." Und so kam es auch, die Szene ließ die Braunschweigerin fallen. "Das war das einzige Mal bis heute, dass ein Hawaii-Sieger quasi im Moment seines größten Erfolges überführt wurde. Und ich glaube, dass das von der Community als Verrat schlechthin an diesem Sport gewertet wurde", sagte Frank Wechsel, Herausgeber des "Triathlon Magazins".

"Nein, da muss ich alleine durch"

Nur Familie und Freunde hielten noch zu ihr, sahen den Menschen hinter dem Dopingfall. Doch Kraft wollte keine Hilfe. "'Nein, da muss ich alleine durch', hat sie gesagt. 'Ich bin diejenige, die das jetzt aushalten muss'", berichtete ihre Freundin Kathrin Friedrich, ebenfalls Triathletin. "Sie wollte das auf ihre eigenen Schultern nehmen. Das fand ich sehr traurig."

In Deutschland hielt es Kraft nicht mehr aus. Sie flüchtete vor der Stigmatisierung und Ausgrenzung, zunächst zu Freunden nach Neuseeland. Später wurde sie im "Triathlon-Städtchen" Clermont in Florida heimisch. "In Clermont ist sie mit offenen Armen aufgenommen worden, ihr Fehler war kein Thema, sie war voll integriert", erzählte ihre Freundin Renate Gaisser, die mit Kraft in Clermont viel Zeit verbracht hat.

Fünf Ironman-Siege nach der Dopingsperre

Nach ihrer zweijährigen Sperre trat die Braunschweigerin auch wieder bei Wettkämpfen an, gewann fünf weitere Ironman-Rennen - das letzte im Alter von 46 Jahren in Louisville. Doch der Fehler von 2004 holte Kraft immer wieder ein. Auch noch 13 Jahre später, als sie bei einem Besuch in Deutschland in der U-Bahn erkannt und als Dopingsünderin beschimpft wurde. "Das fand ich erschreckend", so Friedrich.

"Sie konnte sich selbst nicht verzeihen"

Kraft erkrankte an Depression, aber ihr fiel es schwer, um Unterstützung zu bitten. "Die Wunden waren enorm. Es war alleine nicht mehr zu meistern", sagte Gaisser. Letztlich entschied sich Kraft doch dafür, Hilfe anzunehmen und kehrte in ihre Heimat Braunschweig zurück. Doch offenbar kam die Hilfe zu spät. Nina Kraft starb am 16. August 2020.

"Das Schlimme war, dass sie sich selbst nicht verzeihen konnte. Ich glaube, dass sie daran zerbrochen ist", sagte Friedrich, die sich mehr Verständnis für ihre Freundin gewünscht hätte: "Jemand, der etwas zugibt und bereut, muss doch eine zweite Chance bekommen. Aber das war nicht der Fall - nicht moralisch. In Deutschland waren alle Türen zu."

VIDEO: Kraft: "Das war der größte Fehler meines Lebens" (3 Min)

Die wichtigsten Anlaufstellen bei Depression

  • Telefonseelsorge: anonyme, kostenlose Beratung rund um die Uhr
Tel. (0800) 111 0 111 oder (0800) 111 0 222
  • Kinder- und Jugendtelefon "Nummer gegen Kummer": kostenlose Beratung von Mo bis Sa, 14 bis 20 Uhr, Tel. 116 111. Elterntelefon: Mo bis Fr, 9 bis 11 Uhr sowie Di und Do, 17 bis 19 Uhr unter (0800) 111 05 50
  • Info-Telefon der Deutschen Depressionshilfe: Mo, Di und Do, 13 bis 17 Uhr sowie Mi und Fr, 8.30 bis 12.30 Uhr. Tel. (0800) 33 44 533. Die Deutsche Depressionshilfe bietet einen Selbsttest sowie eine Übersicht zu regionalen Angeboten.
  • Ärztlicher Bereitschaftsdienst der Krankenkassen: 116 117.
  • Ambulanz der psychiatrischen Abteilung einer Klinik vor Ort - in jedem Fall bei Suizidgedanken.

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 13.09.2020 | 22:30 Uhr

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