Stand: 24.02.2020 10:12 Uhr

Nach Hanau: Diskussion um Waffenrecht für Sportschützen

von Andreas Bellinger, NDR.de

Der mutmaßliche Täter, der in Hanau zehn Menschen und sich selbst getötet hat, war Sportschütze. Das hat einen Streit neu entfacht: Ist das Waffenrecht zu lasch? Dürfen Sportwaffen im Privatbesitz sein?

Ist das Waffenrecht für Sportschützen zu lasch? Nach dem mutmaßlich rassistisch motivierten Anschlag im hessischen Hanau wird über eine weitere Verschärfung des vor ein paar Tagen verabschiedeten Gesetzes nachgedacht. Der mutmaßliche Täter, der zehn Menschen und sich selbst getötet hat, war seit 2012 Mitglied im Frankfurter Schützenverein Diana Bergen-Enkheim. Seit 2013 hatte er eine waffenrechtliche Besitzerlaubnis, auf die im Jahr darauf die erste Waffe eingetragen worden war. Die Erlaubnis zum Waffenbesitz war im vorigen Jahr überprüft worden. Und doch sind Verein und Behörden die Gesinnung des 43-Jährigen und sein Hang zu Verschwörungstheorien verborgen geblieben.

Initiative: "Risiko nicht regulierbar"

Während die Politik noch diskutiert, nennt Roman Grafe im NDR Sportclub die klare Forderung seiner Initiative "Keine Mordwaffen als Sportwaffen!": "Das Risiko sportlicher Waffen ist nicht regulierbar. Das einzige, was hilft, ist diese Waffen zu verbieten." Die Initiative hat nach eigenen Angaben mehr als 270 Opfer dokumentiert, die seit 1990 mit Schusswaffen von Sportschützen getötet wurden. Und das seien längst nicht alle Opfer, so der Journalist und Filmemacher Grafe, der die Initiative 2009 nach dem Amoklauf von Winnenden gegründet hat. 

"In Deutschland ist es erlaubt, dass Sportschützen mit Mordwaffen schießen", sagt Grafe. Solange das so sei, werde es immer wieder Sportschützen geben, die nicht nur auf Scheiben schießen, sondern ihre Waffen dafür benutzten, wofür sie gemacht worden seien: "zum Töten und Verletzen von Menschen".

Schützenbund sieht "Kulturerbe" in Gefahr

Die Grünen fordern im Bundestag eine Nachbesserung der Zuverlässigkeitsprüfungen für Waffenbesitzer. Und: Munition soll ihrer Meinung nach nur noch gelagert werden, wo auch geschossen werden darf - bisher sei es Sportschützen möglich, sowohl Waffen als auch Munition mit nach Hause zu nehmen. Für den Deutschen Schützenbund (DSB) und seine rund 1,35 Millionen Mitglieder ein offenbar undenkbares Szenario: "Ein Verbot von Sportwaffen im Privatbesitz würde den deutschen Schießsport zum Erliegen bringen und das immaterielle Kulturerbe des deutschen Schützenwesens beenden", heißt es in einer Stellungnahme für den Sportclub.

Anfrage beim Verfassungsschutz

Zwar muss die Erlaubnis zum Waffenbesitz nach dem jüngst erlassenen neuen Waffengesetz mindestens nach fünf Jahren und dann noch einmal nach zehn Jahren überprüft werden (danach wird nicht mehr kontrolliert), doch dabei geht es lediglich um das polizeiliche Führungszeugnis, die routinemäßige Verfassungsschutzabfrage, das regelmäßige Schießen in einem Verein und die ordnungsgemäße Unterbringung der Waffen. Bis dato erfolgte die erste Überprüfung bereits nach drei Jahren, jedoch ohne die Abfrage beim Verfassungsschutz. Sportschützen, die eine Waffe legal erwerben wollen, müssen mindestens 18, bei großkalibrigen Waffen 21 Jahre alt sein. Sie müssen mindestens ein Jahr lang Mitglied in einem Schützenverein sein und nachweislich mindestens zwölfmal im Jahr im Verein mit der Waffe trainieren.

Justizministerin prüft verschärfte Regelungen

Eine Prüfung zur Waffensachkunde ist ebenso obligatorisch wie der sogenannte Bedürfnisantrag, in dem dargelegt werden muss, welche Waffe zu welchem sportlichen Zweck erworben werden soll.

Hintergrund
Am Tatort im Stadtteil Kesselstadt in Hanau wurden Blumen abgelegt und Kerzen aufgestellt. © dpa-Bildfunk Foto: Andreas Arnold

Warum der Täter durchs Raster fiel

Obwohl der mutmaßliche Täter von Hanau offenbar psychisch krank und rassistisch war, besaß er legal Waffen. Wie kann das sein? tagesschau.de fasst die Regelungen zum Waffenbesitz zusammen. extern

Je nach Waffentyp muss bei 18- bis 25-Jährigen ein Nachweis über die "persönliche Eignung" erbracht werden. Für ein entsprechendes Gutachten ist eine Untersuchung mit Leistungstests, Fragebögen, Gutachtergespräch und möglicherweise auch eine ärztliche Untersuchung notwendig. Kriterien, die möglicherweise nicht ausreichen, so Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU). Auch Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) will prüfen, ob die verschärften Regelungen im Waffenrecht konsequent umgesetzt werden und die Behörden, die über die Zuverlässigkeit entscheiden, die nötigen Informationen auch bekommen.

Schützenbund: "Deutschland hat strenges Waffenrecht"

"Eine standardmäßige psychologische Prüfung oder Ähnliches gibt es für über 25-Jährige nicht", sagt der Leiter der DSB-Rechtsabteilung, Robert Garmeister, im Gespräch mit tagesschau.de. Im Sportclub betonte der Verband aber: "Deutschland hat ein strenges Waffenrecht. Mit erheblichem Aufwand wurde ein Nationales Waffenregister (NWR) aufgebaut, in dem alle privaten legalen Waffenbesitzer, alle Erlaubnisse und alle Waffen einzeln erfasst sind." Laserwaffen, wie sie die Modernen Fünfkämpfer schon seit Jahren benutzen, kommen für die Sportschützen jedenfalls nicht infrage: "Das Schießen mit Laser wäre ein völlig anderer Sport. Windeinflüsse und Ballistik würden keine Rolle mehr spielen und der Faktor Technik, der ja auch einen Teil der Faszination des Sports ausmacht, völlig außen vorgelassen."

tagesschau.de
Drei Mitarbeiter der Spurensicherung betreten einen Tatort in Kesselstadt. © DPA Foto: Dorothee Barth

Hanau: Entsetzen, Schock und Trauer

Das mutmaßlich rechtsradikale Attentat von Hanau erschüttert Deutschland. Ein Mann tötete zehn Menschen und sich selbst. Tagesschau.de fasst zusammen, was bisher über den Fall bekannt ist. extern

Ein Polizist mit Maschinenpistole steht am 20. Februar 2020 vor einer Polizeiabsperrung in Hanau, im Hintergrund sind Rettungskräfte zu sehen © Boris Rössler/dpa

11 Tote nach Schüssen in Hanau

Bei Schüssen im hessischen Hanau sind mindestens elf Menschen umgekommen, auch der mutmaßliche Täter ist tot. Es handelt sich mutmaßlich um einen rechtsradikalen Anschlag. Der aktuelle Stand im Liveblog bei tagesschau.de. extern

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 23.02.2020 | 23:10 Uhr

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