Meinhard Nehmer: Das Bob-Genie vom Ende der Welt wird 80

Stand: 13.01.2021 00:01 Uhr

Landwirt, Fregattenkapitän, Bobpilot: Meinhard Nehmer stieg als Spätstarter in die "rasenden Kisten" und gewann drei olympische Goldmedaillen. Am 13. Januar feierte der Rügener seinen 80. Geburtstag.

Wer diesem Mann einmal ins wettergegerbte Gesicht gesehen hat, der weiß, was ein Fels in der Brandung ist. Hoch oben an der Nordspitze von Rügen, fünf Kilometer vom Kap Arkona entfernt, scheint Meinhard Nehmer mit der Steilküste an der Ostsee verwurzelt zu sein. Angeln, jagen, schlachten, Wurst selber machen - Nehmer pflegt viele arbeitsreiche Hobbys. Dabei hatte er sein Grundstück in Varnkevitz, einem winzigen Ortsteil von Putgarten, um etliche Hektar reduziert. "Ich habe immer zu tun, so bleibe ich fit", sagte der dreimalige Bob-Olympiasieger vor seinem 80. Geburtstag an diesem Mittwoch. Wobei die Feierlichkeiten entfallen müssen, natürlich, Corona, seine drei Kinder und die Enkelkinder können nicht dabei sein, "aber wir holen das nach", sagt Nehmer. Ansonsten kann er der Pandemie ganz gut aus dem Weg gehen: "Ich kriege von all dem nicht so viel mit. Ich bin ja hier quasi am Ende der Welt."

Enge Freundschaft mit Ex-Bundestrainer Bethge

Der Viererbob der DDR bei Olympia 1980. © dpa Foto: Hartmut Reeh
Die DDR-Besatzung Bernhard Germeshausen, Hans-Jürgen Gerhardt, Bogdan Musiol und Meinhard Nehmer (v.l.) feiert in Lake Placid den überlegenen Olympiasieg im Viererbob.

Der gelernte Landwirt, ausgebildete Wettertechniker, Ingenieur für Landmaschinentechnik und Fregattenkapitän der Volksmarine war schon immer ein geselliger Typ. Der Verlust seiner Frau Renate vor drei Jahren schmerzt sehr. "Das Alleinsein ist nicht schön", sagt er leise. Ein Besuch von seinem langjährigen Freund und Anschieber Raimund Bethge ist da immer aufbauend. Der ehemalige Cheftrainer der deutschen Bobfahrer ist oft auf der Insel Rügen.

Nehmer war für Bethge nicht nur als Pilot eine wichtige Bezugsperson. "Seine Persönlichkeit, seine ruhige Art und seine Ausstrahlung machen ihn so wertvoll", erklärt Bethge, der als Anschieber mit Nehmer 1977 Weltmeister wurde. Nehmer war es auch, der Bethge nach dessen schwerem Unfall auf der Bobbahn in Cesana Ende 2005 täglich anrief und ihm Kraft für die Genesung gab.

Gold-Coup in Lake Placid

Bobfahrer Meinhard Nehmer im Ziel bei Olympia 1976. © dpa
Meinhard Nehmer (l.) und Bernhard Germeshausen bei ihrem Olympiasieg 1976.

Nehmer war im Eiskanal ein Ausnahmepilot. "Ich bin als einziger Weltklassemann noch nie in einem Viererbob beim Wettkampf gestürzt, das hat noch heute Bestand", so der ehemalige Speerwerfer stolz. Obwohl er erst mit 32 aus der Leichtathletik in den Bob wechselte, war sein Feingefühl an den Lenkseilen legendär. Seine erste sportliche Sternstunde hatte Nehmer 1976 in Innsbruck. Erst spürte er als Fahnenträger "eine unglaubliche Gänsehaut", dann sorgte er für den ersten Olympiasieg eines DDR-Bobs. Stunden später setzte er im Viererbob noch einen drauf.

Bob-Geschichte schrieb Nehmer dann 1980 in Lake Placid: Auf der schon damals berüchtigten Bahn am Mount Van Hoevenberg durchbrach er als erster Pilot die Minuten-Grenze und holte sein drittes Olympia-Gold. "Alle Experten sagten, das sei nicht möglich. Ich habe es ihnen gezeigt, die 50.000 Leute an der Bahn flippten total aus. Dafür werde ich in den USA noch heute als Hero verehrt. Bei den Amis muss es eben total rauchen in der Rinne", erinnert sich Nehmer.

"Bahnflüsterer" Nehmer: "Die Spannung beim Bob ist raus"

Heute sei hingegen "die Spannung beim Bob etwas raus. Auch weil die richtig starke Konkurrenz aus Italien, Österreich und der Schweiz fehlt", urteilt Nehmer, der nach der politischen Wende erst in Italien und dann in den USA arbeitete. Unter der Regie von Bethge kam er dann zum deutschen Verband als Bahntrainer zurück: "Er konnte wie kein anderer die Bahn lesen", erinnert sich der heutige Cheftrainer Rene Spies. Aufgefallen war Nehmer damals schon der junge Francesco Friedrich. "Wahnsinn, was er am Start raushaut", lobt Nehmer den Rekordweltmeister und gesteht: "Wir waren am Start nie die Schnellsten."

Hoppe: Der markanteste Punkt der deutschen Bobgeschichte

Dafür stellte der exzellente Tüftler fast immer den schnellsten Bob. "Er war extrem experimentierfreudig und hat die Kisten schon damals komplett bis ins kleinste Detail auseinandergenommen", erzählt Bremser Bogdan Musiol. Für Wolfgang Hoppe, der das olympische Double 1984 in Sarajevo schaffte, ist "Meinhard der markanteste Punkt in der gesamtdeutschen Bobgeschichte. Wären seine Erfolge nicht gewesen, wäre die Entwicklung nicht so vonstattengegangen."

2016 wurde Nehmer für seine Verdienste in die "Hall of Fame" des deutschen Sports aufgenommen. Nach den Olympischen Spielen 2006 hatte er auch seine Trainerlaufbahn beendet. Endlich konnte er wieder das ganze Jahr nahe der Küste leben. Zu tun gibt es dort schließlich immer genug.

Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 13.01.2021 | 09:25 Uhr

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