Ultra-Läuferin Havers: Schreiend und singend durch die Wüste

Stand: 07.10.2020 11:29 Uhr

Judith Havers hat den 100-Kilometer-Wüstenlauf Ultra Mirage in Tunesien gewonnen. Eigentlich trainiert die 43-Jährige jeden Tag - doch nach diesem Abenteuer gönnt sogar sie sich eine Pause.

von Florian Neuhauss und Thorsten Vorbau

40 Grad ohne Schatten, Sandstürme und 100 Kilometer rennend durch die Wüste: Warum tut man sich das an? "Weil man es kann", sagte Havers im Gespräch mit dem NDR und lachte. "Ich liebe einfach das Laufen. Sobald ich von irgendwelchen Wettkämpfen lese, bin ich immer total angefixt und denke, dass ich das auch kann. Ich fühle mich fit und 'ready to go' für alles, was mir so ins Hirn schießt. Oder für das, was meine laufverrückten Freunde um mich herum erzählen. Ich bin dann Feuer und Flamme."

Im "normalen Leben" arbeitet die Hamburgerin im Online-Marketing, doch laufen bedeutet für die Veganerin leben. Ihre Hausstrecke führt durch den Volkspark. Regelmäßig zieht Havers los, um (Lauf-)Abenteuer zu erleben. Halbmarathons, Marathons, immer wieder Trail- und Ultraläufe. Den 100 Kilometer langen Grünen Ring in Hamburg ist sie abgelaufen, auch den 222 Kilometer langen Heidschnuckenweg von Celle zurück an die Alster. Dazu Höhenrennen wie den Trail Run³ in Tirol oder den legendären Transalpine Run, bei dem in mehreren Etappen die Alpen überquert werden. Podiumsplätze hatte sie schon einige gesammelt, gewonnen bis dato nie ein großes Rennen.

"Verrückt oder extrem? Außergewöhnlich!"

"Wenn es ums Laufen geht, nehme ich immer gerne alles mit. Und wenn es Landschaften sind, die ich bisher noch nicht erkundet habe, freue ich mich einfach, dass sich die Gelegenheit ergibt", betonte Havers.

Der Ultra Mirage El Djerid 100K in der Nähe der Stadt Tozeur im Nordwesten Tunesiens hat es ihr angetan. Die Landschaft wie aus 1.001 Nacht - beziehungsweise Star Wars. In Mos Espa, wo die Start- und Ziellinie ist, wurden Teile der Weltraum-Saga gedreht. Havers nahm schon im vergangenen Jahr an dem 100 Kilometer langen Rennen durch die Wüste beim riesigen Salzsee Chott el-Jérid teil. Als Extremsportlerin will sie genauso wenig bezeichnet werden wie als verrückt. Schließlich füge sie weder sich noch anderen Schaden zu. "Außergewöhnlich" gefällt ihr da deutlich besser.

Erst Corona-Beschränkungen, dann der Sandsturm

Außergewöhnlich waren auch die Bedingungen in diesem Jahr. Viele Läufe fielen der Pandemie zum Opfer. Tunesien galt - auch laut Robert Koch Institut - allerdings bis zu Havers Rückkehr nicht als Risikogebiet. Teilnehmen durften die 221 Athletinnen und Athleten nur beim Nachweis eines negativen Corona-Tests. Abseits der Rennstrecke musste ein Mund-Nase-Schutz getragen werden. Und Havertz berichtete: "Wenn wir in die Hotels eingecheckt sind, wurden unsere Koffer mit Desinfektionsmittel abgesprüht. Wir sind dann mit den nassen Koffern in die Lobby gezogen."

Zu den ohnehin großen Strapazen bei knapp 40 Grad ohne Schatten wartete Mitte des Rennens eine Extra-Qual. "Der Sandsturm kam voll frontal. Egal, wie man abgebogen ist, er kam gefühlt immer ins Gesicht. Meine Sonnenbrille hat mich durch den ganzen Tag gerettet", meinte die 43-Jährige. "Aber teilweise habe ich gegen diese Wand angeschrien und dachte: 'Wollt ihr mich hier eigentlich alle verarschen?'" Sie habe das Gefühl gehabt, ein riesiger Fön habe ihr aus einer sehr großen Schüssel unentwegt den sehr feinen Sand ins Gesicht gepustet. Hinterher hatte sie dann "eine richtig schöne Salz- und Sandpanade".

Eine Stunde schneller als beim ersten Mal

Havers kam mit den Gegebenheiten allerdings besser zurecht als alle ihre Gegnerinnen (die Zweite im Ziel hatte fast 50 Minuten Rückstand) und konnte den Lauf sogar zwischendurch genießen: "Ich fange teilweise an zu singen, wenn ich sehe, dass keiner um mich herum ist. Dann muss man sich ja irgendwie motivieren. Man führt viele Selbstgespräche und lernt sich sehr gut kennen."

Judith Havers trinkt © picture alliance/dpa Foto: Monia Mersni
Wasser trug Judith Havers bei sich, griff aber auch am Verpflegungsstand zu.

Nach 12:21:42 Stunden kam sie ins Ziel - und war damit mehr als eine Stunde schneller als beim ersten Mal. Andere kratzten an den maximal erlaubten 20 Stunden: "Das ist dann ein einziges Gehumpel. Dem einen tun die Knie weh, dem anderen der Rücken und der andere hat Mega-Blutblasen. Es kann so viel passieren. Mit den ganzen Herausforderungen zwischendurch bin ich ganz happy und stolz."

Auf eine Siegerehrung musste Havers wegen der Hygiene-Regeln verzichten, ihre Medaille hängte sie sich selbst um den Hals. Dazu nahm sie ihren Siegerscheck über 3.000 Euro an sich - "und dann durfte ich wieder gehen. Als ich hinterher auf dem Teppich saß, konnte ich das alles irgendwie gar nicht richtig fassen."

"Eicheln und Kastanien können gern herumfliegen"

Am Dienstag landete Havers wieder auf deutschem Boden. Von Düsseldorf ging es dann mit der Bahn zurück nach Hamburg. "So langsam komme ich wieder zu Hause an und muss die ganzen Nachrichten mal beantworten. Gerade bin ich ein bisschen überwältigt", sagte sie am Mittwoch. Für den NDR schlüpfte sie auch schon wieder in ihre Laufsachen und war überrascht, "wie gut sich die Muskeln anfühlen".

Nach den Erfahrungen im Sandsturm kommt Havers das Hamburger Schmuddelwetter gerade recht: "Es können ruhig die Eicheln und Kastanien um mich herumfliegen. Es ist Herbst. Und ich mag den Herbst genauso wie alle anderen Jahreszeiten." Joggen auf dem Laufband kommt für die Vollblutsportlerin nicht infrage, "ich bin immer draußen". 2021 will sie wieder nach Tunesien - und am liebsten ihren Titel erfolgreich verteidigen.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 07.10.2020 | 19:30 Uhr

Mehr Sport-Meldungen

Osnabrücks Trainer Marco Grote © imago images / Jan Huebner

VfL Osnabrück: Mit Ruhe und Gelassenheit zum Erfolg

Neu-Trainer Grote ist mit dem VfL Osnabrück noch ungeschlagen. Das soll auch am Mittwoch gegen Darmstadt 98 so bleiben. mehr

Die Fußballerinnen des VfL Wolfsburg jubeln über den Gewinn der Meisterschaft 2019/2020 © imago images / Stefan Großmann

50 Jahre Frauenfußball: Das Wolfsburger Erfolgsmodell

Klischees, Vorurteile, Kampf um Gleichberechtigung: Wolfsburger Spielerinnen aus drei Generationen blicken zurück - und voraus. mehr

NDR Retro: Sport im Norden © NDR

NDR Retro: Sport im Norden

NDR Retro lädt zum Stöbern im Fernseh-Archiv ein: Historische Sport-Videos aus den 1950er- und 60er-Jahren. mehr

Frust bei Werder Bremens Stürmer Niclas Füllkrug © imago images / Nordphoto

Werder Bremen mehrere Wochen ohne Torjäger Füllkrug

Bundesligst Werder Bremen muss vorerst ohne Niclas Füllkrug auskommen. Der Torjäger zog sich eine Wadenverletzung zu. mehr