Ein gesperrter Bolzplatz © picture alliance/augenklick/GES Foto: Marvin Ibo Güngör

Und nun? Ein Jahr zum Vergessen für den Breitensport

Stand: 24.12.2020 09:00 Uhr

Weil Sportanlagen geschlossen sind und Angebote fehlen, kündigen viele Mitglieder - vor allem aber treten kaum neue ein. Die Vereine fordern langfristige Hilfen.

von Andreas Bellinger

Wenn Fördenixen auf dem Trockenen sitzen, Mitglieder zuhauf ihren Vereinen die Treue kündigen und der Dachverband des deutschen Sports zu Spenden aufruft - dann muss die Not im Breitensport groß sein. Den Clubs stehen schwere Zeiten bevor. "Wir rechnen damit, dass im Januar drei Millionen Menschen weniger im organisierten Sport Mitglied sein werden; also nur noch 24 Millionen", sagt Boris Schmidt im Gespräch mit dem NDR. Der Vorsitzende der TSG Bergedorf, eines der größten Clubs in Hamburg, muss im neuen Jahr mit zwölf Prozent weniger Mitgliedern und somit Einnahme-Verlusten von 400.000 bis 500.000 Euro kalkulieren.

Kampf mit dem inneren Schweinehund

Düstere Aussichten, wenn auf einen Schlag 1.250 Mitglieder nicht mehr da sind. Selbst dann, wenn die Corona-Pandemie irgendwann überwunden und ein normales Leben auch im Freizeit- und Breitensport wieder möglich sein wird. "Der Schalter kann schließlich nicht einfach umgelegt werden und schwuppdiwupp sind die Leute nach einer Woche wieder da", sagt Schmidt. Es werde dauern, die Mitglieder zurückzuholen, die sich daran gewöhnt haben, dem inneren Schweinehund zu gehorchen und der Couch den Vorzug vor der Sporthalle zu geben.

Warnung vor Kosten für das Gesundheitssystem

"Gefährlich" nennt Schmidt die Entwöhnung besonders derer, die für ihre Gesundheit und Mobilität, aber auch als Therapie gegen Rückenschmerzen oder Übergewicht Sport treiben sollten. Experten warnen vor den Folgen und Kosten für das Gesundheitssystem. Doch auch im Kinder- und Jugendsport könnte sich ein Negativtrend abzeichnen. Im seit Monaten geschrumpften Angebot wird der Nachwuchs knapp - und damit auch die potenziellen Talente. "Es fehlen uns vielleicht ganze Jahrgänge in der Zukunft", sagt Petra Obermark von den Fördenixen der TSB Flensburg.

Fördenixen üben auf dem Trockenen

Ins Wasser können die Synchronschwimmerinnen von der Förde schon länger nicht mehr. Meisterschaften und das Ranglistenturnier im Januar sind abgesagt. Ein Schlag ins Wasser für die Nixen um Obermarks Tochter Louisa, die im NDR zugibt, bisweilen ärgerlich auf die Profi-Ligen zu schauen. "Warum dürfen die?", fragt Petra Obermark. "Wir haben auch tolle Hygienekonzepte erarbeitet. Man hat das Gefühl, es wird mit zweierlei Maß gemessen." Gezwungenermaßen hat die erfolgreiche Trainerin mehr als sonst Trockenübungen ins Programm eingebaut. "Ich bin gespannt, wie es aussieht, wenn die Mädels wieder ins Wasser können."

Schmidt rechnet mit längerer Pause

Das könnte dauern, wenn sich Schmidts Ahnungen bewahrheiten. "Dass wir am 10. Januar wieder Sport machen können wie zuletzt im Oktober, glaube ich nicht." Das werde wahrscheinlich bis nach den Frühjahrsferien nicht funktionieren. Obermark, die jüngst zur 2. Vorsitzenden der TSB gewählt wurde, mag gar nicht daran denken: "Auch wir kämpfen mit massiven Austritten gerade in den Breitensportgruppen. So viele Dinge können wir noch gar nicht abschätzen." Was es zum Beispiel bedeutet, wenn noch mehr Kinder nicht schwimmen lernen können. Ein kleines Problem vielleicht - wenn es denn das einzige im ohnehin dünnen Schulsportangebot wäre.

DOSB startet Crowdfunding

"Hoffentlich vergisst die Politik den Vereins- und Amateursport nicht ganz", sagt Petra Obermark. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat zur Unterstützung zu einer Crowdfunding-Kampagne aufgerufen und 100.000 Euro in einen ersten Fördertopf eingezahlt. "Stehen wir gerade in schweren Zeiten zu unserem Verein, geben wir unsere Mitgliedschaft oder freiwilliges Engagement auch in ganz besonderen Zeiten nicht auf", appelliert Präsident Alfons Hörmann, der nicht nur die Hilferufe des Deutschen Handballbundes (DHB) kennt.  "Ohne klassische Angebote werden zahlreiche Mitgliedschaften hinterfragt", sagt DHB-Vorstandschef Mark Schober.

Vielen der 90.000 Vereine im Land steht das Wasser bis zum Hals. Kursgebühren und Kurzzeit-Mitgliedschaften fallen im "Lockdown" komplett weg, Mieten für Tennishallen beispielsweise ebenso. Das gravierendste Problem aber sind die Sportler, die wegen der Corona-Beschränkungen gar nicht erst eintreten. "Waren es im Jahr 2019 noch 2.400 Eintritte vor allem im Winter, sind es in diesem Jahr nur 1.400", berichtet Schmidt aus seinem Verein.

Rettungsanker Notfall-Fonds

Der 58-Jährige, der nach einer internationalen Laufbahn als Referee nun das Schiedsrichterwesen im Deutschen Basketball Bund (DBB) verantwortet, wird wie seine Kollegen nicht müde aufzuzeigen, dass die großen Schwierigkeiten erst nach dem Stillstand kommen werden, wenn die massiven Austritte und fehlenden Eintritte gnadenlos zu Buche schlagen. Aktuell hätten viele Vereine noch kein Geld aus den Notfall-Fonds abrufen müssen, die in Hamburg und Schleswig-Holstein jüngst noch mal um eine beziehungsweise zweieinhalb Millionen Euro erhöht worden sind.

Vereine fordern Förderung bis 2023

"Deshalb fordern wir, dass die nicht ausgeschöpften Mittel in langfristige Förderung umgewandelt werden", so Schmidt. Von einer Zeitachse von 2021 bis 2023 ist die Rede. "Zur Berechnung sollte jeder Verein eine Bilanz vorlegen, was er im Jahr 2019, dem letzten kompletten Jahr vor der Pandemie, an Einnahmen aus reinen Mitgliedsbeiträgen gehabt hat. Die Hälfte der Differenz zum aktuellen Jahr sollte dann bezuschusst werden." Eine sinnvolle Investition in den Sport, dessen Nutzen für die Gesellschaft in sozialer, gesundheitlicher und kultureller Hinsicht nicht nur in Neujahrsreden betont werden sollte. Schmidt: "Es wäre fatal, wenn die aufgebauten Strukturen wegen der Probleme in der Pandemie kaputt gingen."

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 20.12.2020 | 23:35 Uhr

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