Boxerin Dilar Kisikyol © IMAGO / Torsten Helmke

Dilar Kisikyol: Liebe zum Boxsport und Kampf für soziale Gerechtigkeit

Stand: 30.05.2022 10:26 Uhr

Dilar Kisikyol ist eine unerschrockene Kämpferin - nicht nur im Box-Ring. Als Beauftragte für Frauen und Inklusion im Hamburger Boxverband setzt sich die 30-Jährige auch für soziale Gerechtigkeit und Vielfalt im Sport ein. Und sie trainiert Menschen mit Handicap. Ihre Geschichte ist der Auftakt einer Serie über Diversität im Sport bei NDR.de.

von Andreas Bellinger

Dilar Kisikyol ist Profi-Boxerin. Allein das könnte für Diversität im Sport stehen. Zumindest aber als Beispiel für einen zaghaften Wandel hin zu gesteigerter Präsenz und Aufmerksamkeit für Frauen im Sport, für mehr Vielfalt, Integration und Gleichberechtigung. Das Boxen hat der Wahl-Hamburgerin geholfen, sich zu behaupten und ihren eigenen Weg zu gehen. Auch wenn sich ihre Eltern eher gewünscht hätten, dass sie Klavier spielt.

Ihren Lebensunterhalt verdient sie nicht nur mit ihren Fäusten, was ohnehin schwierig wäre für eine Frau im von Männern dominierten Boxsport. Studierte Sozialpädagogin ist sie und Gymnastiklehrerin. Soziales Engagement ist ihr Anliegen, Respekt, Freiheit und Fairness ihre Maxime - im Sport und darüber hinaus.

Kisikyol: "Boxen hat mir viel gegeben"

"Ich möchte Botschafterin für den Boxsport sein und dafür sorgen, dass Menschen, die ein Handicap haben, auch teilhaben können. Damit wir lernen, miteinander statt gegeneinander zu leben", sagt die 30-Jährige mit kurdischen Wurzeln im NDR Sportclub. Egal welcher Herkunft, Religion, welchen Geschlechts: Jeder solle akzeptiert und anerkannt werden, so Kisikyol. Dafür brennt sie - und trägt den passenden Namen: "Dilar kommt aus dem Kurdischen und bedeutet übersetzt 'Feuerherz'."

"Ich möchte Botschafterin für den Boxsport sein und dafür sorgen, dass Menschen, die ein Handicap haben, auch teilhaben können. Damit wir lernen, miteinander statt gegeneinander zu leben." Dilar Kisikyol

Die Internationale Deutsche Meisterin im Superleichtgewicht bis 63,5 Kilogramm, die ihre bis dato sechs Profikämpfe ausnahmslos gewonnen hat (einen durch K.o.), ist nicht nur schlagkräftig, sondern auch abseits des Rings beharrlich und nach eigenen Worten von einem großen Pioniergeist erfüllt. "Boxen hat mir viel gegeben für mein Leben." Und diese positive Erfahrung will sie weitergeben: "Sogar Menschen, die im Rollstuhl sitzen, können angepasste Übungen machen", sagt sie.

Kämpfen liegt ihr im Blut

Sie hat das Projekt "Du kämpfst" ins Leben gerufen. Wer immer es will, soll "Zugang zum Boxsport erhalten - und eine Perspektive für ein selbstbestimmtes Leben bekommen". Die Verpflichtung zum Kämpfen wurde der in Leverkusen als jüngstes Drillingskind geborenen Kisikyol quasi in die Wiege gelegt. Als sie am 2. Februar 1992 als Frühchen zur Welt kam, wog sie nur 1.500 Gramm.

Mit 16 Jahren in den Ring

Mit 16 Jahren schließlich entfachte ein Nachbar die Lust aufs Boxen in ihr. Nicht gerade zur Begeisterung ihrer Mutter, die andere Vorstellungen hatte. Doch die Klavierlehrerin habe ein Einsehen gehabt. "Dilar, such' dir besser etwas anderes", habe sie angesichts ihres bescheidenen Talents geraten - und letztlich stimmten ihre aus der Türkei eingewanderten Eltern mit kurdischen Wurzeln zu. Wie es heißt, war ihnen neben der Bildung auch die Freiheit ihrer Kinder wichtig.

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Auf ewig dankbar sei sie den Eltern dafür, auch wenn der Weg alles andere als einfach war. Zumal in Zeiten, die nicht übermäßig geprägt von Vielfalt und Gleichberechtigung waren - schon gar nicht im Boxsport. Regina Halmich ("Toll, was sie für das Frauen-Boxen geleistet hat.") galt lange Jahre als Exotin in der rauen Boxwelt.

Typische Klischees

Kisikyol hat die Vorurteile zu spüren bekommen: "Du siehst ja gar nicht aus wie eine Boxerin", sei ein typischer Kommentar gewesen. Oder: "Frauen können nicht boxen." Abschrecken ließ sie sich davon nicht, obwohl sie auf ihrem ersten Weg zum Training noch kehrtmachen wollte, als sie ausschließlich Jungs erblickte. Eine Freundin half ihr, ihre Scheu zu überwinden. Alles andere war "Liebe auf den ersten Blick" zu ihrem Sport - und die ist bis heute ungebrochen. "Beim Boxen ist ein Mensch einfach ein Mensch. Herkunft oder Religion spielen keine Rolle."

Herzens-Projekt und Training mit Parkinson-Patienten

Dass sie sportlich erfolgreich ist, belegen ihre makellose Bilanz als Profi-Boxerin und jeweils drei Hochschulmeisterschaften, Landesmeister-Titel und Bronzemedaillen bei deutschen Meisterschaften. Am 18. Juni steigt sie in Rostock zu ihrem siebten Profikampf in den Ring.

Aber das ist nur die eine Seite der selbstbewussten Dilar Kisikyol. Neben ihrem Herzens-Projekt "Du kämpfst" betreut und trainiert sie neuerdings auch Parkinson-Patienten. Von der als Schüttellähmung bekannten Erkrankung des zentralen Nervensystems war auch Muhammad Ali betroffen. Bewegungsstörungen, Zittern, versteifte Muskeln und eine instabile Körperhaltung sind Symptome der Krankheit. Boxtraining soll die Koordinationsfähigkeit verbessern und im Idealfall helfen, neue neuronale Verknüpfungen im Gehirn herzustellen.  

Beauftragte für Frauen und Inklusion im Box-Verband

Einmal pro Woche trifft sich Kisikyol mit erkrankten Frauen zu dem speziellen Training in der Box-Halle. Ehrenamtlich, auch wenn es neben ihrer normalen Arbeit und der Suche nach Sponsoren ziemlich fordernd sei. Ihre lockere und lebensfrohe Art gepaart mit klaren und bisweilen strengen Ansagen kommt bestens an. Bei der Parkinson-Gruppe wie bei einem jungen Mann mit Down-Syndrom, den sie sportlich betreut.

Wohl auch deshalb wurde die vom Hamburger Amateurbox-Verband (HABV) geschaffene Position der Beauftragten für Frauen und Inklusion mit der Sozialpädagogin besetzt, die nach ihrem Studium 2019 aus Düsseldorf in die Hansestadt gekommen ist. "Neben ihrer sportlichen Aktivität hat sie sehr gute Ideen, schaut über den Tellerrand und ist ein sehr starker Mensch", sagte HABV-Vizepräsident Raiko Morales jüngst dem "Hamburger Abendblatt".

"Frauen eine größere Bühne bieten"

Es sei nicht einfach gewesen, die zu werden, die sie heute sei, sagt Dilar Kisikyol. Nicht selten hätten sie Angst und Zweifel geplagt. Dennoch will sie andere ermutigen, ihren eigenen Weg zu gehen und ihre Träume zu verwirklichen. Vom Boxen allein leben zu können, ist momentan für sie nur ein Traum. "Man muss den Frauen eine größere Bühne bieten", wünscht sich Kisikyol deshalb, "schließlich trainieren wir genauso hart wie die Männer."

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 29.05.2022 | 22:50 Uhr

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