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Breitensport: DOSB will Energie-Lockdown verhindern

Stand: 04.08.2022 17:15 Uhr

Die Corona-Pandemie ist längst nicht gemeistert, da wird der Breitensport von der nächsten Krise heimgesucht. Vereinen und Verbänden drohen massive Auswirkungen, die Angst vor einem Energie-Lockdown geht um. 

Frank Fechner ist in Sorge. "Es ist eine extrem schwierige Situation", sagt der Vereinschef vom Eimsbütteler TV in Hamburg. Erst die Corona-Pandemie, nun die starke Inflation und vor allem die in ihren Folgen kaum absehbare Energiekrise: Fechner und sein Verein ächzen unter den enormen Belastungen für den Breitensport.

"Die größte Sorge ist die Planungsunsicherheit der Kosten für Energie", sagt Fechner und rechnet vor: "Wir müssen momentan von einer Verdrei- bis Verfünffachung der Energiekosten ausgehen. Das kann Mehrkosten für unseren Verein von 500.000 bis 700.000 Euro ausmachen, das ist richtig viel Geld für uns."

Beitragserhöhungen als Folge der Energiekrise

Und so sieht sich der ETV nach vier Jahren auf stabilem Niveau zu einer empfindlichen Beitragserhöhung von durchschnittlich 14 Prozent gezwungen. Erwachsene müssen ab dem 1. Oktober 28 Euro zahlen anstatt 24,50. Nicht nur für Fechner ist das "sehr viel" Geld. "Es ist mir fast unangenehm, dass wir nach der Corona-Pandemie die Beiträge so stark erhöhen müssen", so der Erste Vorsitzende, "aber wir können die Kosten sonst nicht mehr decken".

Das Schicksal des ETV, mit seinen 16.500 Mitgliedern einer der größten Sportvereine Hamburgs, noch dazu mit vereinseigenen Sportanlagen, für deren Unterhaltung man selbst zuständig ist, steht exemplarisch für die vielen Verbände und Vereine, aber auch für die Fitnessstudios in Deutschland. Dem System droht der Kollaps.

"Wir spüren neue existenzielle Nöte"

"Es werden schwierige Wochen und Monate werden, denn die immensen Kosten werden auf die Mitglieder umgelegt werden müssen", sagte Prof. Dr. Theodor Stemper, Vorsitzender des Bundesverbandes Gesundheitsstudios Deutschland e.V.: "Während der Pandemie sind den Fitness- und Gesundheitsstudios im Schnitt 20 bis 25 Prozent der Mitglieder weggebrochen. Die Gefahr ist da, dass es jetzt nochmal deutlich mehr werden. Wir spüren neue existenzielle Nöte."

DOSB will Energie-Lockdown verhindern

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat die prekäre Lage längst erkannt. Schon im Juli setzte der Dachverband ein Positionspapier auf, das darauf abzielte, einen Energie-Lockdown für den Sport zu verhindern. Eine weitere Zwangspause würden viele Vereine, vor allem die kleinen, womöglich nicht überleben. Von den physischen und psychischen Folgen bei den Menschen ganz zu schweigen.

"Wir haben große Sorgen davor, dass sich Fehler, die während der Corona-Pandemie gemacht worden sind wie pauschale Schließungen, jetzt wiederholen", sagte Michaela Röhrbein, DOSB-Vorstand Sportentwicklung: "Wir sollten aus der Corona-Pandemie lernen. Das heißt, dass wir nicht kurzfristige adhoc-Handlungen vornehmen, sondern kluge Maßnahmen angehen."

Röhrbein: Fehler der Corona-Pandemie nicht wiederholen

Schwimmbäder, wie es schon vom deutschen Städtetag gefordert worden sei, dürften laut Röhrbein nicht geschlossen werden, um Energiekosten einzusparen: "Davor warnen wir, weil wir sehen, was die Corona-Pandemie angerichtet hat. Jedes sechste Kind ist dicker geworden. Sechs Prozent der Kinder leiden an Adipositas. 60 Prozent der Kinder können nicht mehr richtig schwimmen - am Ende droht der Ertrinkungstod."  

Rettig: Profi-Fußball soll seinen Beitrag leisten

Andreas Rettig, ehemaliger Geschäftsführer des FC St. Pauli, sieht unterdessen den Fußball in der gesellschaftlichen Verantwortung: "Wenn aktuell über ein Rationieren von Energie nachgedacht wird und Haushalte sparsamer damit umgehen müssen, dann muss der Profi-Fußball auch seinen Beitrag leisten", forderte der 59-Jährige. Für ihn sei es unverständlich, "wenn im Winter die Rasenheizung und das Flutlicht volle Pulle laufen". Laut Rettig verbraucht eine Rasenheizung ölbetrieben circa 2.000 Liter Heizöl am Tag: "Das ist ungefähr so viel wie ein Einfamilienhaus im ganzen Jahr. Ich denke, dass man hier tatsächlich umdenken, beziehungsweise vorbereitet sein muss."

Kalte Duschen als kurzfristige Maßnahme

Kurzfristig sollen die Auswirkungen der Energiekrise mit unkomplizierten Maßnahmen wie Temperaturabsenkungen in Schwimmbädern und Sporthallen oder kalten Duschen abgemildert werden. Zugleich müssten die Sportvereine nach Wunsch des DOSB in den Genuss von Energiekostenentlastungspauschalen kommen. Mittel- bis langfristig müssten laut Dachverband schließlich die vielen überalterten Anlagen modernisiert und auf einen energetisch aktuellen Stand gebracht werden. Die jüngst vom Bund bereitgestellten 476 Millionen Euro für die Sanierung kommunaler Einrichtungen dürften dabei bei Weitem nicht ausreichen.

"Unsere Forderung war vor der Energiekrise eine Milliarde Euro pro Jahr. Aber jetzt wird das nicht mehr ausreichen, wir brauchen mindestens diese eine Milliarde pro Jahr über mehrere Jahre hinweg, damit die 30 Milliarden Euro Sanierungsstau abgebaut werden", sagte Röhrbein.

Fechner: "Brauchen staatliche Hilfen"

Unabhängig von den langfristigen Investitionen ist Fechner "überzeugt, dass wir Hilfen brauchen werden, auch staatliche Hilfen", um auch diese Krise zu meistern. "Die Menschen werden weniger Geld in den Taschen haben", sagt er mit ruhiger Stimme und nachdenklichem Blick, "und ich hoffe sehr, dass sie die Kosten nicht beim Sportverein einsparen wollen".

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 04.08.2022 | 19:30 Uhr

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