Stand: 08.07.2019 09:22 Uhr

Bilanz nach Beach-WM: Mehr Licht als Schatten

von Andreas Bellinger, NDR.de
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Das Hamburger Publikum war ein Hit - ob bei 30 Grad Hitze oder bei Schmuddelwetter.

Tolle Stimmung, Wetterkapriolen - und zwei Überflieger aus der Nachbarschaft, die das schwache Abschneiden der deutschen Beachvolleyballerinnen um Titelverteidigerin Laura Ludwig (fast) vergessen machten. Bei der Weltmeisterschaft am Hamburger Rothenbaum mit 96 Teams aus 37 Nationen wechselten Licht und Schatten fast so schnell wie das Wetter von tropischer Hitze zu Regenschauern mit kühler Briese. Am finalen Wochenende kochte der Center Court förmlich über, als Julius Thole und Clemens Wickler erst die Weltranglisten-Ersten Anders Mol/Christian Sørum im Halbfinale aus dem Titelrennen katapultierten und tags darauf sensationell Vize-Weltmeister wurden. Der Coup der Deutschen Meister aus dem Hamburger Stadtteil Eimsbüttel schönte die eher magere sportliche Ausbeute des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV). Neben Thole/Wickler hatten nur Karla Borger und Julia Sude die erste K.o.-Runde überstanden.

Schlangen wie in Wimbledon

"Das war zwar keine totale Katastrophe, es gibt uns aber zu denken", sagte der deutsche Beach-Sportdirektor, Niclas Hildebrand. Die notwendige Analyse müsse zeitnah erfolgen, kündigte DVV-Präsident René Hecht an. "Wir müssen uns das Geschehen noch mal ganz genau angucken." Dass Beachvolleyball - unabhängig vom sportlichen Erfolg der Gastgeber - in Hamburg angekommen ist, blieb niemandem verborgen. Hunderte von Fans mussten bisweilen vor den Toren ausharren, weil das 12.000 Zuschauer fassende Stadion aus allen Nähten zu platzen drohte. Ein Bild, das an die Church Road in Wimbledon erinnerte, wo auf eine Eintrittkarte hoffende Tennis-Fans mitunter tagelang campieren.

Mackerodt: "Super Werbung für Hamburg"

"Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen", sagte Mitorganisator Frank Mackerodt angesichts der überwältigenden Stimmung auf der Anlage. "Vor Jahren habe ich hier Steffi Graf, Boris Becker und Michael Stich erlebt. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass wir eines Tages hier tonnenweise feinsten Sand auffahren und Beachvolleyball der Superlative erleben, hätte ich es nicht für möglich gehalten." Hamburgs für den Sport zuständiger Innensenator Andy Grote, der am finalen Wochenende zwischen den Sport-Highlights Triathlon und Beach-WM pendelte, teilte die Einschätzung des einstigen (Beach-)Volleyballstars, der betonte: "Es ist eine super Werbung für Hamburg." Die Hansestadt sponserte die 6,5 Millionen Euro teure Veranstaltung mit 3,5 Millionen Euro. Ein gutes Investment, wie Mackerodt meinte: "Wir wurden in 75 Ländern gesehen, in 25 sogar live. Das war für die 'Active City' eine großartige Promotion."

Clemens Wickler (r.) und Julius Thole jubeln mit dem Maskottchen bei der Beachvolleyball-WM in Hamburg ©  imago images / Beautiful Sports

Beachvolleyball-WM: Riesenevent mit Silberdekor

NDR 2 -

Julius Thole und Clemens Wickler haben bei der Beachvolleyball-Weltmeisterschaft eine Silbermedaille für Deutschland gewonnen. Die restlichen deutschen Teams zeigten nicht mehr als gute Ansätze.

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Veranstalter beeindruckt vom deutschen Publikum

Auch WM-Veranstalter Hannes Jagerhofer war angesichts des Erfolgs fast schon euphorisch. "Gewaltig", entfuhr es dem Österreicher im Interview mit dem Redaktions-Netzwerk Deutschland. Schon am ersten Wochenende habe er ein super Gefühl gehabt, als die Leute bei 34 Grad in der prallen Sonne gesessen, gejubelt und gefeiert hätten. "Ich bin total beeindruckt vom deutschen Publikum. Auf der einen Seite so diszipliniert und angenehm, auf der anderen Seite flippen die Fans hier richtig aus. Es gibt keinen besseren Boden für Beachvolleyball. Das ist hier eine Punktlandung."

"Vor Jahren habe ich hier Steffi Graf, Boris Becker und Michael Stich erlebt. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass wir eines Tages hier tonnenweise feinsten Sand auffahren und Beachvolleyball der Superlative erleben, hätte ich es nicht für möglich gehalten." Frank Mackerodt

Sportliche Kritik von ARD-Experte Brink

Die vielfach keimende Kritik, die sportlichen Ergebnisse seien nicht zufriedenstellend, wollte Mackerodt am Ende von zehn Tagen Spitzensport nicht akzeptieren. "Das muss man relativieren. Bei den Frauen ja, bei den Männern aber sicherlich nicht. Das haben Thole/Wickler ja wohl eindrucksvoll bewiesen." Julius Brink, der bei der WM als ARD-Experte fungierte, sah es im NDR-Interview etwas anders: Der DVV habe es "komplett verschlafen", die Aufmerksamkeit nach seinem Olympiasieg 2012 in London an der Seite von Jonas Reckermann zu nutzen und die Entwicklung voranzutreiben. Thole und Wickler hätten, so Brink, die Kohlen aus dem Feuer geholt. Die Versäumnisse aufzuholen sei aber "brutal schwer". Der 2017 gegründete Leistungsstützpunkt in Hamburg sollte ein Schritt in die richtige Richtung sein. Ob der sicherlich auch von der Euphorie am "Rothenbeach" beförderte Durchmarsch des neuen Vorzeigeduos bereits ein Indiz für dessen Wirksamkeit ist, bleibt jedoch abzuwarten.

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Die Zeit wird knapp für Ludwig/Kozuch

Auf kontinuierliche Entwicklung setzt Laura Ludwig, die mit ihrer neuen Partnerin Margareta Kozuch trotz des Ausscheidens in der ersten K.o.-Runde einen zarten Aufwärtstrend ausgemacht hatte. "Wir sind zwei blonde Damen, die sich den Arsch aufreißen. Mein Herz brennt", sagte die Olympiasiegerin, die sich ihrer Topform nach 20 Monaten Babypause langsam wieder nähert. Davon ist die 336-malige Volleyball-Nationalspielerin Kozuch noch ein Stück entfernt. „Es ist schwer zu verstehen, warum es nicht geklappt hat“, ärgerte sie sich.

"Unter Druck hatten wir zu wenig Lösungen", analysierte Trainer Jürgen Wagner, der jedoch auch Zuversicht ausstrahlte: "In der Spielfähigkeit haben wir den erhofften Riesenschritt nach vorn gemacht." Doch die Zeit bis zu den Olympischen Spielen in Tokio 2020 wird knapp. Zwölf Turniere kommen bis nächsten Sommer in die Wertung für die Qualifikation; bestenfalls zwei Plätze gibt es pro Nation und Geschlecht. "Kleine Brötchen backen", müsse das Motto sein, so Brink.

Weitere Turniere am Rothenbaum?

DVV-Präsident Hecht dachte derweil schon laut über weitere Turniere am Rothenbaum nach. Notfalls auch unter der Ägide des DVV. "Das ist der Hammer hier", meinte der 57-Jährige und schmetterte den imaginären Ball auf Jagerhofer, der prompt retournierte: "Ich glaube, dass Verbände keine Organisatoren sind." Fest steht zweifellos: Hamburg wäre bereit, neben Tennis auch Beachvolleyball als Tradition zu etablieren.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 07.07.2019 | 19:30 Uhr

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