Stand: 24.12.2019 19:30 Uhr

Willi Reimann - Im Norden zu Hause

von Johannes Freytag, NDR.de

Willi Reimanns Porträt ist die Geschichte eines eigenwilligen Sportlers, der als Spieler nur das Tor im Blick hatte und als Trainer alles dem Erfolg unterordnete.

Norddeutscher kann eine Fußball-Karriere wohl kaum sein: Willi Reimann stürmte jahrelang in der Bundesliga für den Hamburger SV und Hannover 96. Nach seiner Profilaufbahn trainierte er die drei Hamburger Traditionsvereine FC St. Pauli, HSV und Altona 93 - außerdem die Nordclubs Eintracht Braunschweig und VfL Wolfsburg. Letzteren führte Reimann 1997 in die Erste Liga.

Bundesliga-Debüt 1970 für Hannover 96

Willi Reimann wird am 24. Dezember 1949 im niedersächsischen Schwagstorf nahe Osnabrück geboren. Seine Fußballer-Karriere beginnt er beim VfL Rheine. Über TuS Bremerhaven 93 kommt er als 21-Jähriger zu Hannover 96, wo er am 15. August 1970 sein Bundesligadebüt feiert.

Sein erstes Tor für die Niedersachsen erzielt der Stürmer am 4. Dezember bei einem 4:1-Sieg über Borussia Dortmund. Von Jahr zu Jahr steigert Reimann seine Trefferquote - nach 112 Erstligaeinsätzen und 44 Toren wechselt er 1974 zum Nordrivalen Hamburger SV. Die Hanseaten überweisen 700.000 D-Mark für ihn, der bis dahin teuerste Transfer der HSV-Vereinsgeschichte.

Seelers Fußstapfen zu groß

An der Elbe soll Reimann die Lücke schließen, die Uwe Seeler nach seinem Karriereende 1972 hinterlassen hat. Ein zu schweres Erbe: Reimann erzielt in 175 Bundesligapartien für den HSV zwar 49 Treffer, aber der ganz große Durchbruch gelingt ihm nicht. Der Torjäger gilt als "schwieriger Charakter", unbeherrscht, widerspenstig, großes Schlitzohr, dazu ist er sehr lauffaul ("Aber ich wusste, wohin der Ball musste.").

Drei Titel holt er mit dem HSV: 1976 wird er unter Kuno Klötzer DFB-Pokalsieger und ein Jahr später Europapokalsieger. 1979 gewinnt er unter Branko Zebec den ersten Bundesliga-Meistertitel der Hamburger. Hinter Horst Hrubesch und Kevin Keegan ist Reimann aber nur noch Stürmer Nummer drei und so nimmt er im Herbst 1981 das finanziell lukrative Angebot der Calgary Boomers an, die in der nordamerikanischen Fußball-Liga spielen.

Die Kanadier, bei denen auch Jürgen Röber kickt, stellen jedoch Ende des Jahres den Spielbetrieb ein - Willi Reimann beendet seine aktive Laufbahn als Fußballprofi im Alter von 32 Jahren und kehrt nach Hamburg zurück.

In fünf Jahren von der Fünften in die Erste Liga

Seine erste Trainerstation ist der SC Egenbüttel bei Pinneberg, von 1982 bis 1986 coacht er Altona 93. Den Hamburger Traditionsclub führt Reimann von der Landesliga in die Oberliga und dort in die obere Tabellenregion. Anschließend übernimmt der 37-Jährige den Zweitliga-Aufsteiger FC St. Pauli, mit dem er auf Anhieb Tabellendritter wird. Die Kiezkicker verpassen jedoch den Durchmarsch in die Bundesliga denkbar knapp in der Relegation (1:3, 2:1) gegen den Bundesligisten FC Homburg.

Auch in der Folgesaison 1987/88 mischt St. Pauli oben mit - am 17. Spieltag steht der Club auf dem dritten Tabellenplatz. Beim großen Nachbarn HSV herrscht zur gleichen Zeit Tristesse: Coach Josip Skoblar wird entlassen, den Nachfolger finden die HSV-Verantwortlichen beim FC St. Pauli und kaufen Reimann für eine Ablösesumme von 600.000 D-Mark aus seinem Vertrag bei den Braun-Weißen heraus.

HSV-Bilanz: Platz vier und Platz sechs

Während die Kiezkicker unter Helmut Schulte trotzdem aufsteigen und den Grundstein für den heutigen Kultstatus legen, hat auch Reimann beim HSV Erfolg. Er führt den Bundesliga-Dino zunächst auf Rang sechs und ein Jahr später sogar auf Platz vier und in den Europapokal. Danach beginnt jedoch eine sportliche Talfahrt, an deren Ende der Coach gehen muss. Am 4. Januar 1990 wird Reimann erstmals in seiner Karriere vorzeitig entlassen.

Neben der sportlichen Misere ist auch sein autoritärer Führungsstil ("Der Spieler ist der Feind des Trainers.") ein Grund dafür. Reimann regiert kompromisslos und mit eiserner Faust. Seine knüppelharten Trainingsmethoden bringen ihm schnell den Ruf eines "Schleifers" und "harten Hundes" ein. Der Spieler Reimann hätte unter dem Trainer Reimann keine Chance gehabt. "Ob ich ein Schleifer war, möchte ich gar nicht bewerten. Ich habe einfach dafür gesorgt, dass meine Mannschaft fit und gut eingestellt ist. Manche Spieler wissen, dass sie für ihre Fitness einiges tun müssen. Andere haben dafür weniger Verständnis", sagt er heute.

Bundesliga-Aufstieg mit Wolfsburg

Nach Engagements bei Drittligisten (SC Norderstedt, SV Lurup) kehrt Reimann im Oktober 1995 in den Profibereich zurück. Er übernimmt den abstiegsbedrohten Zweitligisten VfL Wolfsburg. Mit den Niedersachsen schafft er den Klassenerhalt und ein Jahr später ein sportliches Wunder: Mit "No-Name-Kickern aus der Provinz" ("kicker" am 30.6.1997) gelingt der erstmalige Aufstieg in die Bundesliga.

Willi Reimann lässt sich am 12. Juni 1997 für den Bundesliga-Aufstieg des VfL Wolfsburg feiern. © picture alliance / dpa Foto: Ulrike Heitefuß
Willi Reimann lässt sich 1997 für den Bundesliga-Aufstieg des VfL Wolfsburg feiern.

Nach gutem Start (Platz sechs nach 19 Spieltagen) folgt eine Serie von sieben sieglosen Spielen. Wieder muss Reimann gehen. Beim 1. FC Nürnberg wird er Nachfolger des entlassenen Felix Magath. Wegen einer schweren Erkrankung seiner Frau, die kurz darauf an Darmkrebs stirbt, tritt Reimann am 2. Dezember 1998 als Club-Trainer zurück. Zwei Monate später folgt seine zweite Amtszeit beim FC St. Pauli, mit dem er den Klassenerhalt in der Zweiten Liga schafft. Doch er wirft den Job wieder hin: "Ich sehe mich nicht in der Lage, mit den finanziellen Mitteln des Vereins die hohen Erwartungen in Hamburg zu erfüllen", erklärt der 51-Jährige.

Frankfurt und die Vereinigten Arabischen Emirate

Erst 2002 übernimmt Reimann wieder einen Trainerposten im Profifußball. Er führt die sportlich und finanziell angeschlagene Eintracht aus Frankfurt von der Zweiten Liga in die Bundesliga. Tiefpunkt seiner Zeit bei den Hessen ist Reimanns Tätlichkeit gegen den vierten Schiedsrichter Thorsten Schriever im Bundesligaspiel Borussia Dortmund gegen Eintracht Frankfurt in der Saison 2003/04: Sie bringt ihm ein fünf Spieltage dauerndes Innenraumverbot und 25.000 Euro Geldstrafe ein - bis dahin die höchste Bestrafung eines Trainers in der Geschichte des DFB.

Mit dem Abstieg Frankfurts 2004 endet auch Reimanns Amtszeit. Es folgt ein sportlich wertloses, aber finanziell lukratives Engagement in den Vereinigten Arabischen Emiraten bei Al-Shaab. 2006 zieht es den gebürtigen Niedersachsen zurück in die Heimat, er heuert bei Eintracht Braunschweig an. Doch nach nur zwei Siegen aus 14 Spielen wird Reimann beim Zweitligisten wieder gefeuert.

Die Freizeit steht im Vordergrund

Es ist seine letzte Station im Profifußball. "Ich denke, wenn man mal 60 ist, kann man ja auch aufhören", erklärt Reimann im November 2010 in der "Frankfurter Rundschau". Er wolle sich in seinem Alter "auch nicht mehr von irgendeinem Vereinspräsidenten beschimpfen lassen". Reimann genießt jetzt das Leben, den süßen Müßiggang. Sehnsucht nach der Tretmühle Bundesliga verspürt er nicht. Den Fußball verfolgt er nur noch als Fan, die Freizeit steht für ihn im Vordergrund. "Ich reise sehr viel, bin häufig auf dem Golfplatz zu finden und verbringe viel Zeit mit Freunden. Das füllt mich vollkommen aus", sagt Reimann: "Ich bin nicht böse, wenn ich mir das alles nur noch von außen angucken muss."

Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 24.12.2014 | 07:25 Uhr

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