Symbolbild Regionalliga Nord © imago images / Joachim Sielski Foto: Joachim Sielski

Regionalliga Nord: Die Zeichen stehen auf Saison-Abbruch

Stand: 17.01.2021 17:15 Uhr

Bereits seit Anfang November ruht Corona-bedingt der Spielbetrieb in der Fußball-Regionalliga Nord. Ob die Saison fortgesetzt werden kann, ist äußerst fraglich. Einige Clubs plädieren jetzt schon für einen Abbruch.

von Hanno Bode und Ole Zeisler

Am Freitagabend kamen die Fußballer von Altona 93 mächtig ins Schwitzen. Allerdings nicht auf dem Rasen der altehrwürdigen Adolf-Jäger-Kampfbahn, sondern bei einem Cyber-Training. Mithilfe eines Videokonferenz-Tools waren alle Akteure miteinander verbunden, Assistenzcoach Philipp Körner machte ihnen die Fitnessübungen in den eigenen vier Wänden vor. Sein Hund schaute ihm - mehr oder minder gleichgültig - dabei zu. Über den grünen Rasen darf sein Herrchen die AFC-Kicker bereits seit vielen Wochen nicht mehr scheuchen. Die SARS-CoV-2-Eindämmungsverordnung untersagt das Mannschaftstraining. Der Spielbetrieb in der zweigeteilten Regionalliga Nord ruht bereits seit Anfang November.

Gerade einmal sieben Partien hat Altona absolviert. Ob weitere für den Tabellenletzten der Gruppe Nord hinzukommen werden, ist ungewiss. Sollte beim Bund-Länder-Treffen am kommenden Dienstag eine Verschärfung des Lockdowns beschlossen werden, rückt ein Saisonabbruch näher.

Altona wünscht sich Klarheit: "Alles in der Schwebe"

Philipp Körner, Co-Trainer des Fußball-Regionalligisten Altona 93 © NDR
Altonas Co-Trainer Philipp Körner kann derzeit mit seinen Spielern nur Cyber-Training machen.

"Wir hätten nichts gegen einen Abbruch, dann könnte man sich neu orientieren und neu planen", sagte Körner dem NDR. Für Altona wäre ein vorzeitiges Ende der Spielzeit aus sportlichen Gründen durchaus wünschenswert, würde es in diesem Falle aller Voraussicht nach wohl keine Absteiger geben. Körner, der beim Hamburger Traditionsclub dem früheren Bundesliga-Coach Anderas Bergmann assistiert, hofft darauf, dass bald Fakten geschaffen werden. "Man würde sich schon wünschen, dass es einfach mal eine Deadline gibt; so ein Stück Planungssicherheit. Derzeit ist alles in der Schwebe, das ist extrem schwierig", erklärte der 29-Jährige.

LSK-Teamchef Zobel ist für "harten Cut"

In dieselbe Kerbe schlägt auch Rainer Zobel, Teamchef des Staffelrivalen Lüneburger SK. "Ich bin für einen harten Cut. Es muss ja auch gerecht zugehen. Denn die zweiten Mannschaften der Bundesligisten dürfen trainieren. Wenn wir keinen Cut machen und in 14 Tagen wieder anfangen müssten, wären wir im Nachteil, weil wir vorher gar keine Testspiele hätten und nicht mit dem Ball trainieren könnten", sagte der 72-Jährige. Zobel spricht damit auf die Sonderregelung für die U23-Teams der Proficlubs an. Sie dürfen trotz Lockdowns weiter trainieren, da sie ausschließlich Berufsfußballer unter Vertrag haben und somit von den für Amateurvereine geltenen Corona-Regeln ausgenommen sind.

Wettbewerbsvorteil für U23-Teams bei Fortsetzung

John Iredale (l.) vom VfL Wolfsburg II im Regionalliga-Spiel gegen Rehden in Aktion © imago images / regios24
John Iredale (l.) und seine Teamkameraden vom VfL Wolfsburg II dürfen weiterhin trainieren. Pierre Becken und sein BSV Rehden müssen pausieren.

Die Nachwuchs-Teams der Proficlubs - sechs treten in der Regionalliga Nord an - würden bei einer Saisonfortsetzung also "voll im Saft" stehen, während beispielsweise Altonas Amateurkicker eine mehrmonatige Pause in den Beinen hätten. Ein großes Problem, das auch dem Norddeutschen Fußball-Verband bewusst ist. "Zweite Mannschaften sind durchaus priviligiert", sagte Jürgen Stebani, Vorsitzender Spielausschuss und Spielleiter. Der frühere Vorstopper kann daher gut nachvollziehen, dass einige Clubs einen Saisonabbruch präferieren. "Es ist das gute Recht der Vereine, einen Tunnelblick zu haben. Aber wir müssen das zusammenführen und möglichst eine Lösung finden, die dann auch zieht", erklärte der NFV-Funktionär.

NFV hofft auf Spielbetrieb ab Anfang März

Der Verband fragt bei den Clubs aktuell mit Pro-und-Contra-Listen ab, was für Lösungen sie bevorzugen. Ein Abbruch-Szenario ist dabei noch nicht berücksichtigt. "Wir hoffen, dass wir Anfang März wieder mit den normalen Spielen loslegen können", sagte Stebani. Doch ist das in Anbetracht von aktuell sehr hohen Inzidenzwerten realistisch? Der Hamburger Fußball-Verband, dem NFV-Vizepräsident Dirk Fischer vorsteht, ist bezüglich einer Saisonfortsetzung sehr skeptisch. In einem offenen Brief teilte der CDU-Politiker den Vereinen mit, dass die Serie in der Hansestadt nur fortgesetzt wird, wenn bis zum Wochenende 27./28. Februar der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden kann.

Danach sehe es aber nicht aus. "Ich höre Signale von ganz oben, dass es Richtung Ostern wieder einigermaßen normaler wird. Dann wissen wir, wie lange eine Saison gehen kann. Und wir in Hamburg wollen jedenfalls unter keinen Umständen eine Saison immer weiter und weiter spielen, sodass wir dann vorbelastet in die nächste gehen würden", erklärte Fischer.

Stebani kritisiert Hamburger Modell

Jürgen Stebani, Spielausschuss-Vorsitzender des Norddeutschen Fußball-Verbandes © NDR
Hofft auf eine Saisonfortsetzung: NFV-Funktionär Jürgen Stebani.

Stebani ist vom Inhalt des offenen Briefs - gelinde ausgedrückt - wenig begeistert. "Das ein Stadtverband wie Hamburg sich so früh festlegt, halte ich für Unfug", polterte der Spielausschussvorsitzende: "Es gibt genug Termine. Wenn wir auch Anfang April noch nicht spielen können, dann kann man sagen, irgendwann muss man abbrechen. Der jetzige Zeitpunkt ist viel zu früh, um sich festzulegen." Die Hamburger Regionalliga-Clubs wären von einem Saisonabbruch im HFV übrigens nicht betroffen, würden weiter in der Regionalliga um Punkte kämpfen, für die der NFV zuständig ist. Allerdings bedarf es dafür der Zustimmung der Politik. Zur Erinnerung: Hamburg war im vergangenen Jahr das letzte Bundesland, das Training in ganzer Mannschaftsstärke und den Spielbetrieb wieder zuließ.

Nicht ausgeschlossen also, dass der Hamburger Senat den NFV-Plänen einen Strich durch die Rechnung machen wird. Denn ohne Beteiligung der Hamburger Clubs ist eine Saisonfortführung eigentlich nicht denkbar.

"Ende Mai sollten wir durch sein"

Eine Prognose zu stellen, wie es in Liga vier weitergehen wird, ist aktuell unmöglich. Fakt ist nur: Mit jeder weiteren Woche, in der nicht gespielt werden darf, wird die Wahrscheinlichkeit eines Saisonabbruches größer. "Theoretisch können wir bis Ende Juni spielen. Das Problem ist aber, dass eine Spielklasse nicht allein auf der Welt ist. Der Meister der Regionalliga Nord muss noch Entscheidungsspiele gegen den bayerischen Meister machen, da ist ein Zeitfenster Mitte/Ende Mai vorgegeben, was sicherlich verhandelbar ist", erklärte Stebani und ergänzte: "Man kann nicht allein hantieren, das ist sehr komplex. Ende Mai sollten wir schon durch sein."

Noch viele Nachholspiele zu absolvieren

Dass bis dahin alle noch ausstehenden Partien sowie die Auf- und Abstiegsrunden absolviert sein werden, erscheint aber unwahrscheinlich. Zumal einige Clubs wie der AFC noch Nachholspiele haben. "Unser Interesse ist es erst einmal, die Tabellen glatt zu bekommen", sagte Stebani. Auf Altonas Fußballer würde im Falle einer Saisonfortführung also ein Mammutprogramm warten. Bis darüber eine Entscheidung gefallen ist, heißt es für Körner und Co aber erst einmal: abwarten und Cyber-Training machen.

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Fußball und Tabelle © picture-alliance/ dpa, NDR.de/Screenshot Foto: Patrick Bernard

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Sportclub | 16.01.2021 | 14:00 Uhr

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