Stand: 14.06.2018 13:22 Uhr

Ist der Sportjournalismus zu unpolitisch?

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Der ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt reist nicht zur Fußball Weltmeisterschaft nach Russland.

Hajo Seppelt wird nicht zur Fußball-Weltmeisterschaft nach Russland fahren. Im Interview mit NDR 1 Radio MV spricht er über die Hintergrunde.

Wann genau ist die Entscheidung gefallen, nicht nach Russland zu fahren?

Hajo Seppelt: Die finale Entscheidung ist jetzt diese Woche gefallen. Allerdings sind wir damit schon länger schwanger gegangen, denn es war ja nicht von der Hand zu weisen, dass es tatsächlich ernstzunehmende Sicherheitswarnungen der Bundesbehörden mit dem Bundeskriminalamt an der Spitze gab. Dann hatten wir ein Treffen mit Außenminister Heiko Maas, ARD-Verantwortlichen und mir. Da hat er gesagt, dass sich die Bundesregierung der Empfehlung nicht zu reisen anschließe. Man kann sich ja nicht darüber hinwegsetzen, wenn es solche Bedenken gibt. Und das war dann am Ende der finale Punkt an dem wir gesagt haben, das kann man nicht vom Tisch wischen. Deswegen werde ich nicht fahren.

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Seppelt reist nicht nach Russland

Ein "unberechenbares Risiko" wäre es für Sportreporter Seppelt, wenn er nach Russland zur Fußball-WM fahren würde, so die Einschätzung deutscher Sicherheitsbehörden. extern

Welche Szenarien wurden denn entwickelt? Was hätte Ihnen unter Umständen in Russland passieren können?

Seppelt: Es gab zwei Dinge, die zu berücksichtigen waren: Das eine ist, dass es seit 2017 ein an die Bundesregierung gerichtetes Rechtshilfeersuchen der Russischen Föderation bezüglich meiner Person gab, dass ein staatliches Untersuchungskomitee mich einvernehmen möchte - im Zusammenhang mit der Strafsache Rodtschenkow. Das Verfahren wird gegen den Mann geführt, der erheblich dazu beigetragen hat als Whistleblower das russische Staats-Doping aufzudecken - vor allem die Olympischen Spiele in Sotschi 2014. Er sitzt jetzt im Zeugenschutzprogramm des FBI in den USA. Er lebt an einem geheimen Ort und wird bedroht. Das andere ist, dass es auch bezüglich meiner Person Sicherheitsbedenken gab. Man wusste nicht, ob es möglicherweise zu selbstmotivierten Attacken von Einzeltätern kommen könnte. Auch die Frage, ob ich möglicherweise in Russland festgehalten werde und eine Ausreisesperre über mich gelegt wird oder andere Mittel ergriffen werden [blieb offen]. Der Präsident des russischen Journalistenverbandes hat ja mehr oder weniger indirekt angedroht, dass ich Prügel bekommen könnte, wenn ich nach Russland einreise würde.

Sollten Politiker, die momentan noch unentschlossen sind, zur Weltmeisterschaft nach Russland fahren?

Seppelt: Die Frage muss man generell stellen, ob es angemessen ist, eine Weltmeisterschaft nach Russland zu vergeben angesichts der politischen Rahmenbedingungen. Dass sich Sportgroßverbände ins Bett legen mit autokratischen politischen Systemen ist ja nichts Neues. Wenn der FIFA-Chef Gianni Infantino davon spricht, das wird die beste WM aller Zeiten werden, weiß ich nicht, ob er wirklich nur die Qualität der Spieler auf dem grünen Rasen meint. Alles andere drum herum finde ich teilweise sehr bedenklich. Es darf nicht sein, dass Politiker, die anreisen am Ende die große Proganda-Show des Wladimir Putin unterstützen, der den Sport instrumentalisiert für seine Zwecke. Und wenn wir daran denken, dass bei den Olympischen Spielen 2014 mit dem gigantischen Vertuschungssystem des Dopings der gesamte Charakter des Sports pervertiert und die Integrität mit Füßen getreten wurde, zeigt es, was vor und hinter den Kulissen passiert und das sind offenbar verschiedene Dinge.

Wie geht es Ihnen jetzt persönlich mit der Entscheidung?

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Seppelt: Das war nicht meine eigene Entscheidung, sondern eine Entscheidung, die die ARD in Absprache mit mir getroffen hat, die ich nicht nur respektiere, sondern auch mittrage. Man kann von der ARD nicht erwarten, dass sie Reporter ins WM-Gastgeberland schickt, wo die Sicherheit nicht gewährleistet ist. Auf der anderen Seite bleibt natürlich Ernüchterung zurück. Was setzt das für ein alarmierendes Signal für Pressefreiheit im Journalismus, wenn es zu solchen Entwicklungen kommt. Und besonders bemerkenswert ist es, dass der Weltverband der Sportjournalisten bis zum heutigen Tag zu diesem Fall, wo ich nur als ein Beispiel stehe, nicht ein einziges Mal seine Stimme erhoben hat. Das zeigt, wie der internationale Sportjournalismus aufgestellt ist. Ich glaube, der Sportjournalismus muss endlich verstehen, dass er hoch politisch ist. Es ist nicht nur die schönste Nebensache der Welt, die der Sportjournalismus im Auge [behalten], es sind gesellschaftspolitisch enorm brisante Themen, denen er sich stellen muss. Er muss sich aus meiner Sicht selber viel politischer positionieren.

Das Interview führte Clemens Paulsen, NDR 1 Radio MV Sport

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 14.06.2018 | 16:00 Uhr

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